Im September war ich zum ersten Mal bei einer Pressereise dabei. Das Motto: Aktivurlaub. Das Ziel: Teneriffa und La Gomera. Los ging es am 11. September vom Flughafen Frankfurt. Am 18. September war ich wieder zuhause. Ich habe während der Reise ein bisschen Tagebuch geführt. Das ist Teil eins meiner Aufzeichnungen.

Sonntag – Tag 1

Ankunft. Mit Verspätung landet der Flieger am Flughafen Teneriffa Süd. Es ist schwül und nachdem ich mein Gepäck vom Laufband gesammelt habe, gehe ich Richtung Ausgang, wo ich schon von Weitem meinen Namen erkennen kann. Eine Reiseleiterin bittet mich noch um ein wenig Geduld. Ein Kollege aus Basel sei gerade ebenfalls gelandet. Während ich am Flughafen noch das rege Treiben der doch hauptsächlich 50+-Reisenden verfolge, ist meine Reisebegleitung auch schon da. Alter? 50+. Akzent? Klar. Gelb-blau geringeltes T-Shirt, Sandalen mit grauen Socken und eine Mütze, unter der ein paar spärlich gesähte, dafür umso mehr verschwitzte graue Haare zum Vorschein kommen. Schnell steckt er sich noch eine Zigarette an, dann sitzen wir auch schon im Bus auf dem Weg zum Hotel.

Gemeinsam geht es auf einer stark befahrenen doppelspurigen Straße in Richtung Puerto de la Cruz. Vorbei an vom Regenwasser ausgewaschenen Sandsteinschichten. Vorbei an bunten Häuschen mit Dachterrassen und Meerblick. Vorbei an Fernsehantennen, die sich zwischen Kakteen und anderen Pflanzen hoch über den Häusern und auf den Bergen auftürmen. Die Geografie macht erfinderisch. Dann stehen wir im Stau. Doch unsere Chauffeurin scheint sich auszukennen. Sie nimmt eine Ausfahrt nach der anderen, um am anderen Ende wieder die Auffahrt zu nehmen. So “umfahren” wir den Stau und lassen die wartenden Autos schon bald hinter uns.

Sobald man die Straße entlang der Küste verlässt, wird es steil. Radfahrer kommen hier an ihre Grenzen. Vielleicht sind darum auch weit und breit keine zu sehen. Schon nach kurzer Fahrt beginnen die Ohren zu knacken und die Wolken kommen in Reichweite. Und plötzlich sind wir mitten drin. Gerade noch Sonnenschein und ein herrlicher Blick auf den fast vollen Mond, jetzt düsteres Grau und Tropfen auf der Windschutzscheibe. Doch schon nach kurzer Zeit geht es auf der nördlichen Inselseite wieder hinab Richtung Meer. Nach etwa einer Stunde Fahrt auf der „Autopista” erreichen wir das Hotel “Beatriz Atlantis & Spa” in Puerto de la Cruz.

Zum Verschnaufen bleibt kaum Zeit. Denn wir werden bereits erwartet. Alle anderen Reiseteilnehmer sind bereits da und warten sehnsüchtig auf das Abendessen. Nach einem kurzen Gang unter die Dusche und einem Blick aus dem Balkon-Fenster (das Meer ist vom Hotel nur durch eine Straße getrennt), geht es hinab ins Hotel-Restaurant, wo ein großes Buffet auf uns wartet. Zum ersten Mal lerne ich die Mitreisenden kennen. Beate, Sonja, Sylvia – das sind die Betreuer. Stefan, Gerald, André, Daniel, Christian und ich – wir sind die Journalisten. Geschlechterspezifische Rollenverteilung? Ich hoffe nicht.

Das Abendessen besteht aus einem großen Buffet. Dem Buffet, das auch all die anderen Hotelgäste bekommen. Einziger Unterschied: Wir bekommen die Getränke kostenlos dazu. Denn für Getränke muss eigentlich bezahlt werden.

Nach einem Salat und Fleisch und Fisch mit diversen Beilagen gehen wir gemeinsam noch ein wenig die Stadt erforschen. Draußen ist es schon dunkel, als wir die Avenida de Colón, die Kolumbus-Straße und die Calle San Telmo in Richtung Zentrum entlang spazieren. Die Wellen brechen sich lautstark an den kantigen Felsen, die hier in einer kleinen Bucht fast sehnsüchtig auf sie warten. Eine kleine Anhöhe erklimmend – Vorsicht: das Pflaster ist rutschig – gehen wir weiter bis zum Plaza del Charco. Auf dem Weg dorthin werden wir mehrfach auf Cocktails eingeladen. Ganz ohne Hintergedanken natürlich. Auf Englisch und Deutsch werden wir gebeten, die kleinen Zettel zu lesen, die man uns in die Hand drücken will. Die Röcke der jungen Damen sind kurz, unsere Aufmerksamkeit auch. Der Duft von gepopptem Mais liegt in der Luft und mischt sich mit dem Salzwassernebel des Meeres.

Als wir den Plaza erreicht haben, setzen wir uns unter einem Baum an den Springbrunnen. Die Häuser, die den Platz umrahmen, scheinen aus der Kolonialzeit zu sein. Wer schon einmal auf Kuba war, wird sich hier heimisch fühlen. Das Bier kostet 2,60 Euro. Die Cocktails und Sangria sind nur unwesentlich teurer. Ein Junge geht vorbei. Er legt blickende Dinge auf die besetzten Tische. Und eine kleine Karte. Darauf steht in verschiedenen Sprachen, dass er taubstumm ist. Dass man die blinkenden Dinge kaufen kann. Doch niemand tut ihm den Gefallen. Nach ein paar Minuten kommt er erneut vorbei und sammelt seine Sachen wieder ein. Dann verschwindet er. Und auch wir machen uns auf den Weg zurück ins Hotel.

Um kurz vor zwölf falle ich schließlich erschöpft ins Bett.

Montag – Tag 2

7.10 Uhr. Eigentlich ist es schon eine Stunde später. Auf Teneriffa gehen die Uhren eine Stunde nach. Doch gefühlt ist es noch viel früher. Auf das Frühstück verzichte ich darum. Stattdessen wird der Rucksack gepackt. Wandern steht auf dem Programm.

Mit dem Bus geht es um 8 Uhr die Küste entlang Richtung Norden. Vorbei an San Cristóbal de La Laguna, der ehemaligen Hauptstadt Teneriffas, die Hauptstraße TF-1124 hinauf bis nach Casas de Las Cumbres im Naturpark des Anaga-Gebirges. Am Forsthaus Casa Forestal 1 beginnt unsere Wanderung. Den Camino de las Vueltas, den Weg der Kurven, hinab bis nach Taganana. 4,5 Kilometer, knapp drei Stunden sind wir unterwegs. Immer bergab. 250 Höhenmeter werden zurückgelegt. Doch es scheinen viel mehr zu sein. Jedenfalls geht es ganz schön auf die Knie. Nicht nur bei mir streiken nach der Hälfte der Strecke die Gelenke.

Unsere Begleitung Rosalía Reyes López ist Biologin, arbeitet bei El Cardón und klärt uns über die verschiedenen Bäume und Lebenwesen hier im Wald auf. Immer wieder halten wir kurz an, versuchen eine Taube zu hören oder ein Blatt zuzuweisen. Dann geht es wieder weiter. Eine Kurve folgt auf die andere. Laut Volksmund gibt es davon hier so viele, wie das Jahr Tage hat. Sagt Rosalía. Sie muss es wissen. Und meine Gelenke auch. Irgendwann gehe ich seitlich die Stufen hinunter, die immer wieder unter dem Lehm und der Erde hervorschauen. Sie bestehen zum Teil noch aus Steinen von damals, als der Weg erstmals angelegt wurde. Doch das ist viele Jahrzehnte her. Der Weg wurde im 16. Jahrhundert von den Guanchen angelegt.

Weil wir in den Wolken starten, ist es zunächst kühl und regnerisch, die Steine dadurch nass und glatt. Immer wieder rutscht jemand aus. Landung vereinzelt: auf dem Hintern. Gagelbäume und Baumheiden säumen den kleinen Weg. Schließlich gelangen wir in einen Lorbeerwald. Die Szenerie wirkt unheimlich. Gespenstisch. Außer dem Geräusch, das unsere Schuhe auf dem Untergrund machen, und dem Rascheln der Regenjacken ist kaum etwas zu hören. Das Fallen der Wassertropfen auf die Blätter der Bäume und das vereinzelte Dahinplätschern eines Rinnsals ist alles, was die Natur zur Geräuschkulisse beiträgt. Am unteren Ende der Wolkendecke angekommen, kommt die Sonne durch. Es wird merklich wärmer, die Vegetation verändert sich, das Meer rückt in Sichtweite.

Als wir den Wald schließlich verlassen, geht es vorbei an verlassenen Terrassenfeldern und Steinmauern hinab nach Barrio de Portugal, einem Ortsviertel von Taganana. Hier erinnert vieles wegen der steilen und engen Straßen und der traditionellen Bauweise der Häuser an ein Dorf im italienischen Gebirge. Angeblich war das Viertel die erste europäische Siedlung in dieser Region nach der Eroberung der Insel. Geht man den Camino Cruz de Limera und den Camino de la Cuestilla entlang, kommt man zu einem kleinen Platz, der von Bäumen überdacht ist. Es ist unsere letzte Station, bevor wir wieder den Bus besteigen.

In Las Mercedes essen wir im Restaurant Cruz del Carmen zu Mittag. Anschließend geht es zurück nach Puerto de la Cruz. Am Loro Parque werden wir abgesetzt. Der große Tierpark wurde ursprünglich als Papageien-Park angelegt und trägt darum auch diesen Namen. Loro ist das spanische Wort für Papagei. Mittlerweile gibt es aber auch andere Tiere dort. Nach einem Rundgang vorbei an Löwen, Pinguinen und Erdmännchen sehen wir uns eine Orca-Show an. Zeitverschwendung. Denn die drei Stunden im Park könnte man besser nutzen. Darum mein Tipp: Wer den Eintritt zahlt (Erwachsene 33 Euro, Kinder unter zwölf 22 Euro), der sollte auch etwas Zeit mitbringen. Im Stundentakt werden verschiedene Shows gezeigt und Tiere gefüttert. Da kann man vorbeischauen, man muss es aber nicht.

Mit dem Bus und jeder Menge Info-Material ausgestattet geht es um 18 Uhr zurück ins Hotel. Viel Zeit bleibt nicht. Schon eine Stunde später geht es wieder los. Unser Ziel diesmal: Das Hotel Botanico in Puerto de la Cruz. Bevor wir dort unser Abendessen bekommen, führt uns die deutsche Hotelmanagerin noch durch die Räume. Spa wird hier groß geschrieben. Der Preis ist – gehoben.

Es ist fast elf, als wir schließlich zurück im Hotel in unsere Betten fallen.

Dienstag – Tag 3

Wieder ein Morgen. Wieder sehr früh. Wieder geht es um 8 Uhr mit dem Bus los. Diesmal jedoch in süd-östlicher Richtung. Das Ziel unserer Fahrt: Icod de los Vinos, ein Weinstädtchen im Nordwesten Teneriffas. Auf den letzten Kilometern zum Besucherzentrum Cueva del Viento steigen die Straßen derart steil an, dass man Angst bekommt, der Bus könnte rückwärts überkippen. Aber alles geht gut. Um neun Uhr werden wir von Dragan begrüßt. Dragan war Chirurg für minimal-invasive Eingriffe in Augsburg und hat hier eigentlich nichts zu suchen. Denn gerade erzählt er uns etwas über die Höhlen, die wir in Kürze besichtigen wollen: die Cueva del Viento – die Höhle des Windes.

Das von Lava geformte System mit einer Gesamtlänge von 17 Kilometern war den Bewohnern rund um Icod schon lange bekannt. Doch erst seit den 70er- und verstärkt in den vergangenen 20 Jahren wurde mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Höhlen begonnen. Seit 2008 sind die Vulkanröhren für Besucher geöffnet. Die längste Lavahöhle Europas und die fünftgrößte der Welt (auf Hawaii sind die vier größten) entstand vor etwa 27.000 Jahren. Bricht ein Vulkan aus und bildet sich ein Lavastrom, so erkaltet die Oberfläche relativ schnell, während im Inneren noch heiße Lava fließt. Kommt keine Lava mehr nach, bleibt die erkaltete Decke zurück, und im Inneren bildet sich ein Hohlraum.

Nachdem Dragan uns über die Entstehung und Geschichte der Tunnel aufgeklärt hat, geht es mit dem Bus noch ein Stück weiter. Am Waldrand werden wir von einem Hund begrüßt. Er scheint das Maskottchen der Höhlenforscher zu sein. Denn Dragan hat ihm etwas zu essen mitgebracht. Dann geht es zu Fuß weiter.

Nach etwa 20 Minuten sind wir am Ziel angekommen. Ein unscheinbares Metallgitter im Boden lässt kaum darauf schließen, dass es hier in den Untergrund geht. Nachdem wir mit Schutzhelmen und Lampen ausgestattet sind, geht es vorsichtig hinab. Schnell wird klar, warum wir ohne die Lichter auf unserem Kopf verloren wären: Hier ist es richtig dunkel. Als wir später kurz alle Leuchten ausmachen, lässt sich kein Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Augen erkennen. Es herrscht absolute Dunkelheit. Hin und wieder fällt ein Tropfen von der Höhlendecke auf den Boden. Ansonsten ist es auch sehr ruhig.

Etwa 250 Meter des Tunnelsystems sind für Besucher geöffnet. Meist kann man aufrecht stehen – nur manchmal lohnt es, den Kopf einzuziehen. An einigen Stellen sind Info-Tafeln aufgestellt. Immer wieder halten wir kurz an. Dragan klärt uns über die unterschiedlichen Lava-Formen auf und erzählt, dass sich Spinnen im Eingangsbereich angesiedelt hätten. Wegen der Dunkelheit und der niedrigen Temperatur würden sie dort viel Futter finden. Als das Wort Spinne fällt, huscht bei den weiblichen Tourmitgliedern der Blick vorsichtig über die Höhlendecke. Und tatsächlich: Vereinzelt sind die vielbeinigen kleinen Kreaturen zwischen den grauen Steinformationen auszumachen. Aber wirklich nur vereinzelt.

Am Ende des Ganges – nach etwa 250 Metern – geht es steil bergab. Tageslicht fällt von oben durch eine Öffnung. Hier brach vor vielen Jahren eine 90-jährige Frau durch die steinerne Oberfläche und fiel 16 Meter tief. Sie überlebte – versichert uns Dragan. Erst so wurde der Eingang zur Höhle entdeckt.

Später einmal sollen Besucher die Möglichkeit haben, auch in die unteren Tunnel hinabzusteigen. Doch dafür sei es noch zu früh. Weil man die Höhlen weitestgehend im Originalzustand belassen will, sollen keine Treppen oder andere Hilfsmittel eingebaut werden. Die Besucher werden also auch auf Seile zurückgreifen müssen. Das erklärt uns Dragan, der schon immer von Höhlen fasziniert war. Irgendwann machte er sein Hobby dann zum Beruf.

Nach einer Stunde unter der Erde und einem Experiment, bei dem wir alle versagen, weil wir teilgenommen hätten, schalten wir schließlich unsere Lampen aus, nehmen die Helme vom Kopf und schließen geblendet die Augen, als wir zurück ins Sonnenlicht treten.

Keine Zeit zum Verschnaufen

Nach dem Mittagessen in einem schicken Hinterhof im Restaurant El Sabor Canario in La Orotava bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen. Mit dem Bus geht es die Carretera Comarcal 821 (TF 21) hinauf zurück in die Wolken. Oberhalb von Aguamansa biegen wir in die Straße “Lugar las Cañadas del Teide” ein, Bäume und Wolken hüllen uns ein.

An der Bushaltestelle “La Caldera” wartet schon Ralf Petrovskis. Auf dem Anhänger seines Busses stehen zehn Mountainbikes – eins für jeden von uns. Dicke Metallrahmen, Reifen mit übertrieben viel Profil und verstellbare Stoßdämpfer. Die Markennamen sagen mir nichts. Aber wie ich später erfahre, handelt es sich um wirklich gute Räder für 2500 bis 4000 Euro – je Stück. “Wer bei uns bucht, der will auf mit ähnlichen Rädern wie zuhause fahren”, sagt Petrovskis. “Wer mit uns fährt, der bezahlt gerne etwas mehr für die Ausrüstung.” Und zur Ausrüstung gehören auch die passenden Helme. Und auf die jeweilige Körpergröße eingestellte Räder. Das ist im Service enthalten.

Nachdem wir uns auf eine Tour geeinigt haben – die Mehrheit ist gegen eine Fahrt den Berg hinab in Richtung Küste und für einen kleinen Rundkurs – geht es los. Helme auf den Kopf, kurze Aufklärung über das Schaltverhalten bei An- und Abstieg und schon sind wir unterwegs. Einen Kilometer geht es zunächst die geteerte Straße hinab, bevor der feste Untergrund einem sandigen weicht. Es nieselt, die Bäume um uns herum werden wieder mehr und zunächst geht es gemütlich am Hang entlang. Doch schon bald mischen sich immer mehr Steigungen in das Profil und die Wolken werden dichter. Die Sonnenbrille beschlägt, der Körper atmet, Jacken und Pullover werden ausgezogen und eingepackt. Die Räder wirbeln den roten Staub am Boden auf und lassen gemusterte Spuren zurück. Ein paar von uns kämpfen noch immer mit ihrer Schaltung, als wir nach knapp einer Stunde einen ersten Stopp einlegen. Ein Schacht führt an dieser Stelle in den Berg – heraus kommen Schienen. Sie enden wenig später an einem Abhang mitten in der Luft. Angeblich wird hier noch immer etwas abgebaut. Aber was, das kann uns auch Ralf nicht genau sagen.

Dann geht es auch schon weiter. Ich beschränke mich aufs Radfahren. Viel zu sehen gibt es eh nicht. Dass wir hier viele hundert Meter über dem Meeresboden sind – schwer zu sagen, bei der dichten Wolkendecke. Die Bäume fliegen an uns vorbei, jeder übernimmt mal die Spitze. Das Fahren auf dem roten Untergrund macht richtig Spaß. Doch als es schließlich steil bergauf geht, kommen die ersten an ihre Grenzen. Weil der Boden sandig und staubig ist, drehen die Reifen durch und rutschen ab. Nur mit Mühe gelingt es mir, auf dem Rad zu bleiben. Doch der ein oder andere hat nicht so viel Glück. Oben angekommen sehe ich, wie Räder über die Kuppe geschoben werden.

Nach fast vier Kilometern auf erdigem Grund geht es an der Aussichtsplattform Mirador Margarita Piedra (Bushaltestelle: Mataznos) wieder zurück in die Zivilisation. Auf Teer und der TF 21 geht es 2,5 Kilometer bergab zurück zum Ausgangspunkt. Die Straße ist nass und glatt, die Luft feucht und nebelig. Das hindert meinen Vorfahrer nicht daran, wagemutige Kunststücke auf seinem Mountainbike aufzuführen. Immer wieder steigt er mit den Füßen auf den Fahrradrahmen. Immer wieder fährt er freihändig. Immer wieder lässt er sein Vorderrad abheben. Und übersteht alles unbeschadet. Dann geht es noch einmal einen Kilometer nach oben. Zurück zur Bushaltestelle. Ich schlage als Dritter an. Auf den letzten Metern geschlagen von Christian – der die letzte Nacht durchgesoffen und am Morgen verschlafen hat – und Gerald: korpulent, älter als ich und überhaupt… Wie macht der das? Ich halte ihm zugute, dass er aus Österreich kommt und Berge darum gewohnt ist. Egal, ich bin trotzdem stolz. Nicht ein Mal musste ich absteigen. Auch wenn mir das Essen schwer im Magen lag.

Nachdem die Räder verstaut sind, fallen wir alle geplättet in die Sitze unseres Busses. Verschwitzt und mit gezeichneter Stirn – die Schutzhelme haben Spuren hinterlassen – geht es zurück zum Hotel. Auch diesmal bleibt wenig Zeit. Doch die nutzen ein paar von uns für einen Besuch im Spa-Bereich des Hotels. Unter dem Dach gibt es ein Schwimmbad mit Sauna. Die Aussicht ist toll und die geschundenen Glieder freuen sich über ein bisschen entspannende Abwechslung. Bloß als wir nach etwa einer Stunde gehen wollen, gibt es ein Problem: Die Karte, mit der wir vorher noch Zugang zum Bad bekamen, funktioniert nicht mehr. Die Glastür öffnet sich nicht und will uns nicht rauslassen. Nach mehreren Fehlversuchen mit mehreren Karten erlöst uns schließlich ein Hotelangestellter. Glück gehabt. Was hätten wir bloß ohne Abendessen gemacht?

Nach einem Zwischenstopp am Buffet geht es noch kurz in die Drago Bar, die Bar des Hotels. Dort wird das Champions-League-Spiel Barcelona gegen Mailand übertragen. Spätestens nach dem ersten Tor sind die Fronten geklärt. Barcelona-Fans sind in der Überzahl. Als das Spiel zu Ende ist – wegen der Zeitverschiebung schon um 21.30 Uhr – nehme ich den Aufzug zu meinem Zimmer. Das Bett wartet.

Mittwoch – Tag 4

Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Es ist früh. Gefühlt: Viel zu früh. Die Sonne versteckt sich noch hinter den Bergen. Nur das Meer ist schon wach. Es scheint hier im Norden Teneriffas nie zu schlafen. Noch kurz unter die Dusche und die Klimaanlage anstellen, die während der Nacht nur gestört hat. Dann die letzten Sachen im Rucksack verstauen und mit dem Lift vom siebten Stock hinunter in die Lobby. Ich bin nicht der Erste. Es sitzen bereits ein paar von unserer Gruppe in den dunklen Ledersesseln und surfen im Internet, das unser Hotel nur hier anbietet. Gefrühstückt hat kaum jemand. Es ist einfach noch zu früh.

Um kurz vor sieben kommt der Bus. Ein bisschen verspätet. Als das Gepäck verladen ist, geht es los Richtung Hafen. Die Küste entlang nach Los Cristianos. Die Fahrt dauert eine gute Stunde. Die meisten von uns nutzen die Zeit noch für ein wenig Entspannung. Auch mir fallen irgendwann die Augen zu. Als eine Linkskurve mich unsanft aus dem Schlaf reißt, ist es bereits hell.

Am Hafen angekommen, verstauen wir das Gepäck in bereitstehenden Gepäckwagen. Im großen Fach ungesichert, im kleinen für einen Euro hinter Schloss und Riegel. Die Anhänger werden anschließend auf der Fähre verladen. Heißt es. Ich bin gespannt. Nachdem die Tickets nach La Gomera gekauft sind, gibt es noch kurz einen Kaffee, bevor wir an Bord unserer Fähre gehen.

Ein Schiff von Fred Olsen. “Express” steht in großen roten Buchstaben am Rumpf. Über eine Brücke steigen wir ins Innere. Eine Metalltreppe hinauf und dem Strom der anderen Passagiere folgend, geht es auf die Terrasse am Heck des Schiffes. Es ist voll, klein und eng. Die wenigen Sitze hier sind fast alle belegt. Nur in der Nähe des riesigen Schornsteins sind noch ein paar Plätze frei. Der Geruch der Abgase ist überwältigend.

Während wir oben schon sitzen wird unter uns  noch das Schiff beladen. Autos, Lkw und Busse fahren unter der Regie von Männern und Frauen in gelben Westen ins Innere. Immer mehr, immer größer – unglaublich, was dort alles Platz findet. Um Punkt neun Uhr geht es los. Am Heck wird die Autorampe hochgefahren. Die Brücken für die Passagiere bleiben an Land zurück. Der Motor heult, und wir nehmen Fahrt auf. Obwohl das Meer ruhig ist, macht sich der Wellengang wegen des „Express“ im Bootsnamen schnell bemerkbar. Einige Passagiere haben Probleme beim gradlinigen Wandern durch die Gänge des Schiffes. Andere suchen schon nach kurzer Zeit die Toiletten auf. Viel zu sehen gibt es an Bord unterdessen nicht. Ein paar Bars, kleine Shops – von einem Kreuzfahrtschiff ist die Fähre weit entfernt. Aber das ist auch nicht ihr Zweck. Schnell soll sie sein. Und das ist sie.

Nach weniger als einer Stunde, die reine Fahrtzeit beträgt 35 Minuten, verlassen wir im Hafen von San Sebastián das Schiff. Mit einer Flut aus Touristen strömen wir an Land. Holländische, spanische, russische und französische Sprachbrocken und Ellenbogen fliegen uns um die Ohren und drücken sich uns in die Seite. An Land wartet bereits das Gepäck. Tatsächlich hat alles geklappt und nichts ist abhanden gekommen. Wir werden bereits erwartet.

Nachdem Koffer, Rucksäcke und Taschen verstaut sind, geht es zu Fuß über den Paseo de Fred Olsen in Richtung Innenstadt. Vom Hafen führt eine Straße an Stegen voll weißer Segelboote vorbei. Im Wasser tummeln sich Fische. Große und kleine. Das Geräusch von losen Tauen, die im Wind gegen die Masten schlagen, mischt sich in den Motorenlärm der Autos und Busse, die nach und nach durch das Heck die Fähre verlassen. Die Touristen strömen aus – viele werden noch am Abend die Insel wieder verlassen. Bis dahin soll La Gomera erkundet werden. Für die Hauptstadt der Insel bleibt da nicht viel Zeit.

Wir sind mittlerweile über den Plaza de Las Americas und vorbei am von Lorbeerbäumen gesäumten Plaza de la Constitution in die Hauptstraße eingebogen. An der Kirche Iglesia de la Virgen de la Asuncion aus dem 15. Jahrhundert halten wir kurz an. In ihr soll Kolumbus während seiner Aufenthalte auf La Gomera um göttlichen Beistand für seine Reisen gebeten haben. Und mit Kolumbus geht es auch weiter. Im Casa de Colón, einem Museum, soll der Amerika-Entdecker angeblich vor seiner Atlantiküberquerung 1492 übernachtet haben. Doch schnell werden wir eines Besseren belehrt. Das Kolumbushaus, in dem heute Schiffsmodelle, mittelalterliche Weltkarten und Keramiken ausgestellt sind, wurde nachweislich erst im 17. Jahrhundert erbaut. Ein Mythos also. Der kleine Garten im Hinterhof des Hauses ist trotzdem einen Besuch wert.

22.000 Einwohner hat La Gomera. Knapp die Hälfte wohnt in der Hauptstadt San Sebastián de la Gomera und den umliegenden Dörfern. Damit ist San Sebastián auch gleichzeitig – was Einwohnerzahl und Fläche betrifft – die größte der sechs Insel-Gemeinden. Die Bewohner leben vor allem vom Tourismus. Darum richtet sich das Leben in der kleinen Stadt auch nach den Ankunftszeiten der Fähren aus. Doch wer etwas Zeit mitbringt, der kann auch in San Sebastián einiges entdecken. Zum Beispiel den Torre del Conde.

Mitten auf einer Wiese ragt der etwa 15 Meter hohe weiße Turm des Grafen als übrig gebliebener Teil der Wehranlage La Gomeras in die Höhe. Düstere Geschichten ranken sich um den dreigeschossigen Bau aus dem Jahr 1450. Er soll vor langer Zeit Beatriz de Bobadilla als Zuflucht nach einem Aufstand der Einheimischen gedient haben. Ein Ureinwohner (Guanche) hatte deren Mann Hernan Peraza – den spanischen Gouvaneur von La Gomera – wegen einer unerlaubten Beziehung zu einer Guanchenprinzessin getötet und einen Aufstand angezettelt. Mit Hilfe von Truppen aus Gran Canaria wurde dieser niedergeschlagen. Beatriz rächte den Tod ihres Mannes: Unter einem Vorwand wurden die Guanchen in die Stadt gelockt und viele von ihnen getötet. Von diesem blutigen Ereignis ist heute nichts mehr zu sehen. Der Turm hat als Festung längst ausgedient und dient heute Museum und Touristenattraktion.

Mittagessen mit Pfeifkonzert

Mit dem Bus geht es zum Mittagessen ins Parador de la Gomera. Das Hotel liegt auf einem Felsvorsprung fast 60 Meter über dem Hafen von San Sebastián. Wie fast alle Paradores verfügt auch dieses Hotel über eine historische Bausubstanz. Ein altes kanarisches Herrenhaus wurde für den Betrieb als Hotel restauriert und umgebaut. Die Paradores gibt es seit 1928. Die spanische Regierung wollte den Tourismus ankurbeln und ließ in umgebauten Burgen, Schlössern, Festungen, Klöstern oder anderen historischen Gebäuden Hotels errichten. Heue gibt es 93 Paradores, und es werden mehr. Die meisten befinden sich an historisch bedeutsamen Orten oder sind landschaftlich besonders gelegen und bieten oft einen schönen Ausblick.

Das ist auch im Parador de La Gomera der Fall. Im Garten des Hotels gibt es mehrere Punkte, von denen man hinab zum Hafen oder ins Tal blicken kann. Teneriffa scheint nur einen Steinwurf entfernt. Ein paar Vögel ziehen über uns ihre Kreise und ein Schiff treibt auf dem dunkelblauen Meer weiße Wellen vor sich her. Zwischen hohen Palmen, spitzen Kakteen und rot-leuchenden Blüten treffen wir Don Eugenio.

Don Eugenio ist Pfeiflehrer. Er unterrichtet El Silbo, offizielle Amtssprache auf La Gomera. Pfeifen hat hier Tradition. Bis 1938 – als das erste Telefon auf die Insel kam – war El Silbo die einzige Möglichkeit, sich auf La Gomera über längere Strecken zu verständigen. “Damals konnten das alle”, erzählt Don Eugenio. Doch mit dem Telefon kam das Vergessen und 1970 hatten die meisten Bewohner das Pfeifen verlernt. Als die UNESCO El Silbo 1982 auf die Liste der zu schützende Weltkulturgüter setzte, begann bei der Inselregierung ein Umdenken. Anfang der 80er-Jahre wurde die Pfeifsprache erstmals wieder als Schulfach angeboten. Bis zum Jahr 2000 stand sie zur Wahl, dann wurde sie Pflichtfach.

Bis zu 35 Bedeutungen kann ein gepfiffenes Wort haben, erklärt Don Eugenio. Der 60-Jährige lernte die Sprache in den Bergen noch von seinen Eltern. Woher El Silbo stammt – darüber gibt es unterschiedliche Theorien. Die meisten Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass die Pfeifsprache aus Nordafrika mit den ersten Menschen, die auf die Insel kamen, nach La Gomera übersiedelte. Bis zur Eroberung des Archipels durch die Spanier wurde in der Sprache der Guanchen gepfiffen. “El Silbo es un idioma universal”, erzählt Don Eugenio. El Silbo ist eine universelle Sprache. Das bedeutet: Es werden immer nur Silben gepfiffen. Und die klingen auf jeder Sprache gleich. Als die Spanier kamen wurde also einfach umgestellt.

Weil man seinen Gegenüber in den Bergen nur selten sehen konnte, musste zunächst “angepfiffen” werden. Don Eugenio erklärt, dass er nun “a Petra”, also “an Petra” pfeiffen wird. Mit den Fingern im Mund und einer Hand an der Wange strömt die Luft durch die Lippen hindurch. Laut und klar klingt es, als würde der 60-Jährige “a Petra” pfeiffen. “Wenn sich zwei unterhielten, mussten die anderen warten”, erklärt er. “Das konnte schon etwas dauern.”

Aus vier Konsontanten und zwei bis vier Vokalen soll El Silbo bestehen. Bei letzteren sind sich die Forscher noch nicht sicher. “Meine Meinung: Es liegt irgendwo dazwischen”, sagt Don Eugenio und lacht. Aber nur kurz. Pfeifen ist eine ernste Sache. Erst 2009 wurde El Silbo darum auch von der UNESCO zum Kulturerbe der Menschheit erklärt. Stolz schwingt in der Stimme des Lehrers mit. Don Eugenio ist einer von zweien, die den Schülern auf La Gomera das Pfeifen beibringen. Höchst offiziell.

Mittagessen. Doch bevor es Salat, Kressesuppe und Zackenbarsch gibt, bekommen wir noch Besuch. Die lokale Internet-Presse schaut vorbei und macht sogar ein Foto von uns. Dann geht es mit dem Bus etwa 90 Minuten eine kurvige Strecke entlang in den Westen von La Gomera, nach La Calera. Die Ohren knacken. Es ist warm, und die Klimaanlage im Bus funktioniert nicht. Doch die Aussicht entschädigt für alle Unannehmlichkeiten. Riesige Felsen, Bäume und ein Blick, soweit das Auge reicht. Einmal über den Vulkan und wieder zurück ans Meer.

Wale, Schnellboote und Mojitos zum Feierabend

Nachdem wir unsere Koffer im Hotel abgegeben haben, geht es zu Fuß die Küstenstraße entlang. Unser erstes Ziel: Oceano, ein Whale-Watching-Anbieter. Susanne Braack, die blonde Inhaberin, begrüßt uns freundlich und auf deutsch. Im Keller des Gebäudes erzählt sie zu gebeamten Bildern von sich, ihrem Unternehmen und Nachhaltigkeit beim Wal-Schauen. Mir gefällt die Sache nicht, aber ich stelle nur eine kritische Frage. Wir sind ja zum Vergnügen hier.

Nach etwa einer halben Stunde verabschieden wir uns von Susanne. Es geht weiter zum Hafen von La Puntilla, wo wir bereits erwartet werden. Uns blüht ein weiterer Vortrag. Bruno, sonst wohl auch für die Touristenausflüge zuständig, hält uns in Folie verpackte DIN-A-4-Seiten vor und rattert seine einstudierten Texte über Wal-Beobachtungen herunter. Selbst die Witze kommen vom Band. Bruno lebt seit zehn Jahren auf La Gomera und spricht kein Wort Spanisch. Das wird deutlich, als er uns beim Lostauen des Speedbootes helfen soll, in dem wir mittlerweile Platz gefunden haben. Der spanische Kapitän Jesus muss schließlich selbst anpacken.

Irgendwann geht es schließlich los. Wir sitzen in einem länglichen gelben Boot in Dreierreihen nebeneinander. Die Sitze fühlen sich an, als ob sie aus einer Achterbahn ausgebaut wurden. Von der Hafenmauer begleiten uns die neugierigen Blicke der Zuschauer, als wir gemütlich in Richtung offenes Meer fahren. Das Boot ist neu. Das sieht man auf den ersten Blick. Bis zu 60 Knoten soll es angeblich machen können. Das wären 120 km/h – auf dem Wasser.

Eine halbe Stunde fahren wir die Küste entlang. Mal gemächlich, mal schnell, mal richtig schnell. Hinter mir kreischen ein paar Mädchen, in der Ferne die Möwen. Die Haare wehen durch die Luft, und je schneller das Boot wird, desto härter sind die Einschläge durch die Wellen. Natürlich wollen alle immer schneller fahren. Nur an die Benzinkosten mag ich nicht denken. Wie uns vorher erklärt wurde, soll das Boot in Zukunft auch zum Wal- und Delphin-Watching eingesetzt werden. Angeblich liegt die Sichtungsquote vor La Gomera bei 90 Prozent. Angeblich sei das Benzin kein Problem für die Tiere. Heißt es.

Nach der Bootsfahrt wartet das Abendessen im Restaurants Trasmallo. Und diesmal in keiner Sterne-Location, sondern in einem ganz normalen Restaurant mit hektischen Bedienungen, verschwitzten Köchen, billigen Tischen und Stühlen, Stromausfällen und Essen und Trinken mit Selbstbedienung. Es gibt: Fisch. Und diverse einheimische Schnäpse. Nach einem kurzen Verdauungsspaziergang zu einer nahegelegenen Bar und mehreren Absacker-Mojitos verabschieden wir uns von Josef, unserem morgigen Wanderführer, und machen uns auf den Weg zum Hotel.