Ich fotografiere. Schon seit vielen Jahren. Wann genau ich das erste Mal eine Kamera in der Hand hielt, kann ich nicht mehr so genau sagen. Es dürfte vermutlich die meiner Mutter gewesen sein. Vielleicht auch die meiner Oma – ich weiß es nicht mehr. Und ich kann auch nicht behaupten, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Schließlich war ich klein und wusste noch gar nichts mit den vielen Knöpfen und Rädchen anzufangen. Ich habe irgendwo durchgeschaut, draufgedrückt, es hat geblitzt, und das war es auch schon. Bis das Bild entwickelt war und vor mir lag, verging so viel Zeit, dass ich schon längst vergessen hatte, dass es von mir war.

Irgendwann kam die Zeit der Klassenfahrten. Um Fotos machen zu können, lieh ich mir damals hin und wieder die Kamera meiner Eltern aus. Meistens hatte ich nur einen Film dabei – also 24 Bilder – und musste dementsprechend sparsam sein. Wenn ich mir heute Bilder von früher ansehe, dann sind es zwar meistens recht wenige und auch kaum mit ästhetischem Anspruch. Aber ich halte sie in den Händen und bin nach wenigen Minuten durch. Es ist ein schönes Gefühl, und ich kann auch nicht behaupten, dass ich gerne noch mehr davon hätte. Denn diese Bilder – seien es auch noch so wenige – zeigen genau das, woran ich mich heute noch erinnere und erinnern möchte. Sie sind also gewissermaßen mein Gedächtnis – nur entwickelt und auf Papier gebracht. Sie spiegeln mich wider, sie spiegeln mein damaliges Ich wider, sie sprechen für eine unbeschwerte Zeit.

Meine erste eigene Kamera kaufte ich mir irgendwann zwischen 1996 und 1997. So genau kann ich das nicht mehr sagen. Ich weiß jedoch, dass ich sie bei meinem Schüleraustausch 1998 in Chile dabei hatte. Ich hatte sogar gleich zwei Kameras mit nach Südamerika genommen, eine für die Dia-Filme und eine für normale Fotos. Schon lustig, wenn man heute so darüber nachdenkt. Es waren zwei kleine kompakte Geräte, die mich während meiner elf Monate im Land ständig begleitet haben. Elf Monate auf einem fremden Kontinent. Mit Reisen durch halb Chile, nach Bolivien, Peru und Mexiko. Ich habe gerade einmal nachgesehen: In diesen elf Monaten habe ich etwa 250 Fotos gemacht und etwa halb so viele Dias. Rückblickend sind diese Zahlen geradezu lächerlich.

Anfang des neuen Jahrtausends kam dann der nächste große Schritt. Damals waren Fotos für mich zwar auch noch nicht viel mehr als ein Mittel zum Zweck – nämlich bestimmte Ereignisse und Reisen zu dokumentieren. Doch ich wollte mich weiterbilden. Also ging ich eines Tages in ein großes rotes Elektronikfachgeschäft und kaufte mir eine Spiegelreflexkamera von Nikon. Ich kann nicht mehr sagen, warum ich damals zur Nikon griff. Es war vermutlich Schicksal. Aber ich bin der Marke bis heute treu geblieben. Es gab da nur ein Problem.

Ich war nun stolzer Besitzer dieser großen und leistungsfähigen Kamera. Doch auf einmal interessierten sich alle nur noch für kleine Plastikdinger, bei denen man sich die Bilder direkt nach dem Auslösen auf einem kleinen Display schon ansehen konnte. Digitalkameras steckten zwar noch in den Kinderschuhen und waren längst nicht so vielfältig, wie sie es heute sind. Doch der Trend war da, und ich glaubte, mich anschließen zu müssen. Meine Nikon verschwand irgendwann in einer Schublade und 2004 erlaubte ich mir eine Anschaffung, die ich bis heute bereue. Kodak DX4530 Easyshare hieß meine erste Digitalkamera. Sie hatte 5,1 Megapixel, der Akku hielt vielleicht zwei Stunden, und wenn ich gewollt hätte, hätte ich mit auf jedes Bild gekonnt – auch ohne Fernauslöser oder Timer. Denn es vergingen nach dem Drücken des Auslöseknopfes meist noch ein bis zwei Sekunden, bis das Bild tatsächlich aufgezeichnet wurde. Was war das für ein Spaß!

Aber natürlich war nicht alles schlecht. Denn weil ich nun ohne Umweg zum Fotoladen und ohne tagelanges Warten auf die Abzüge überprüfen konnte, ob die Bilder auch etwas geworden waren, begann ich herumzuexperimentieren. Ich veränderte die Perspektive, spielte mit der Belichtungszeit herum und lernte endlich, was eigentlich eine Blende ist – und vor allem: Was man damit anfangen kann. Doch so groß mein Entdeckerdrang auch war – die Ausrüstung machte mir häufig einen Strich durch die Rechnung. Neidisch auf die Bilder meiner Freunde entschied ich mich daher während des Studiums, mein Geld in eine digitale Spiegelreflexkamera zu investieren. Anfang 2006 betrat ich nach intensiver Recherche ein kleines Fotogeschäft in Göttingen und bestellte mir eine Nikon D70s. Im Nachhinein vermutlich die beste Anschaffung, dich ich jemals getätigt habe.

Rückblickend war auch die D70s in ihren Möglichkeiten noch sehr eingeschränkt. Doch für mich war sie perfekt. Ich kaufte mir einen Blitz, legte mir weitere Objektive zu und fing an, die Welt um mich herum mit den Augen eines Fotografen zu erkunden. Mit Freunden ging ich auf Fototour, wenn das Wetter gut war, packte ich meine Ausrüstung ein und entdeckte die Stadt, in der ich lebte, noch einmal neu. Die Foto-Community Flickr wurde zu meinem ständigen Begleiter. Dort tauschte ich mich mit anderen Fotografen aus, dort ließ ich meine Bilder bewerten, dort sammelte ich Kritik und Anregungen. Geschadet hat es nicht. Ein Bekannter erzählte mir später, er hätte meine Entwicklung bei Flickr verfolgt und sei begeistert gewesen. Ich nahm es als Kompliment auf. Schließlich bewies es mir, dass meine Arbeit auf Anerkennung traf. Und es ging sogar noch weiter. Irgendwann geriet eines meiner Bilder in die Hände von Kevin Cummins. Kurze Zeit später hing es in einer Ausstellung in London. Gar nicht so übel, oder?

Ende 2009 hatte dann auch die D70s ausgedient und ich legte mir den Nachfolger, die D90 zu. Mit ihr bin ich während meines Volontariats bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) durch dick und dünn gegangen. Sie hat mich im Cockpit einer Lufthansa-Maschine genauso begleitet wie in die Küche eines Sternekochs oder bis zur Spitze eines Baustellenkrans. Die D90 war mit mir im Regenwald von La Gomera, an gefrorenen Wasserfällen in Island und in abrissbedrohten Kakaobutterfabriken. Mit ihr fotografiere ich heute noch. Allerdings nicht ausschließlich. Denn es ist etwas passiert, womit ich vor knapp zehn Jahren – als ich mein erstes Handy mit eingebauter Kamera in der Hand hielt – nie gerechnet hätte. Ich bin ein Smartphone-Fotograf geworden. Ich bekenne mich schuldig.

Immer häufiger kommt es vor, dass ich meine D90 zuhause liegen lasse. Stattdessen packe ich mein iPhone ein und nehme noch eine Extra-Batterie mit. Denn beim Akku kann das Smartphone mit der professionellen Kamera noch längst nicht mithalten. Was jedoch die Bilder angeht, so bin ich durchaus zufrieden. Acht Megapixel kann das iPhone 5 mittlerweile auslösen. Das reicht völlig, um auch Bilder zu machen, die man in der Zeitung abdrucken kann. Bei einem Interview mit Annett Louisan machte ich die Porträtaufnahmen sogar komplett mit dem Apple-Handy. Das geht.

Natürlich sind die Möglichkeiten bei einer Smartphonekamera eingeschränkt. Einen optischen Zoom sucht man vergeblich, Blende, Weißabgleich und Belichtungszeit lassen sich nur über zusätzliche Programme und auch nur sehr rudimentär einstellen. Wenn ich also mal wieder auf große Reise gehe oder auf einer Hochzeit fotografiere, dann ist die Spiegelreflex weiterhin erste Wahl. Wenn ich aber nur einen Abstecher nach Berlin oder Hamburg mache, dann komme ich immer häufiger mit dem Smartphone aus. Denn es versetzt mich trotz aller technischer Spielereien in eine Zeit zurück, in der man beim Fotografieren vor allem eins brauchte: ein gutes Auge. Außerdem hilft es mir dabei, mich einzuschränken. Für die D90 besitze ich etwa zehn Speicherkarten. Da spielt es meistens keine Rolle, wie viele Bilder ich irgendwo mache. Das böse Erwachen kommt dann zuhause, wenn es daran geht, aus 2.000 Fotos die besten herauszusuchen. Weil das schon anstrengend genug ist, komme ich auch meist nicht dazu, den Rest zu löschen. Der landet anschließend auf einer Festplatte und wird im Zweifel nie wieder angeschaut.

Beim iPhone gibt es dieses digitale Messie-Syndrom nicht. Ich mache ein bis zwei Bilder, wähle das bessere aus und lösche den Rest. Ganz einfach. Weil ich das Telefon ständig dabei habe, entgehen mir keine Motive mehr, an denen ich früher vorbeigelaufen bin, weil die Kamera zuhause lag. Ich bin nun also wieder dort angelangt, wo weniger mehr ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht schlecht ist. In einer Gesellschaft, in der Zeit zum Luxusgut erklärt wurde, kann sich niemand mehr hinsetzen, und tausende von Bildern durchsehen. Auch wenn es platt klingt: Qualität setzt sich am Ende eben durch. Und weil ich in diesem Blog-Eintrag eigentlich nur auf meine Tumblr-Seite hinweisen wollte, mache ich das jetzt ganz zum Schluss. Für all diejenigen, die bis hierher durchgehalten haben, gibt es dort genau diese Fotos. Bilder von zwischendurch, mit dem iPhone gemacht. Ich hoffe, sie gefallen.

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