Aus großer Followerzahl folgt große Verantwortung

Es war ein Versehen. Eine Dummheit. Ob absichtlich oder ungewollt spielt im Nachhinein keine große Rolle. Wichtig ist: Irgendwann am Donnerstag hielt Monika Wüllner ihr iPhone in der Hand. Sie las einen Tweet von Sarah Kuttner. Darin kündigte die Autorin und Fernsehmoderatorin an, in Kürze Christian Berkel zu vermöbeln. Es war ein Hinweis auf die nächste Folge ihrer Sendung Bambule, die am Donnerstag um 23 Uhr auf ZDFneo ausgestrahlt wurde. Wüllner las davon und teilte den Tweet mit den Menschen, die ihr bei Twitter folgen. Soweit so gut.

Dann aber antwortete sie Sarah Kuttner auch noch direkt. Öffentlich. Sie schrieb: „@KuttnerSarah @ZDF Sarah kuttner = eklig“. Nie hätte sich Wüllner wohl träumen lassen, was diese drei Wörter für eine Reaktion auslösen würden. Schließlich kommt es täglich millionenfach vor, dass Nachrichten über Twitter verschickt werden. In den häufigsten Fällen mit einem oder mehreren speziellen Empfängern. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie häufig zum Beispiel der Teeny-Star Justin Bieber pro Stunde irgendwelche Mitteilungen bekommt. Würde er bei über 40 Millionen Followern jede einzelne davon lesen und beantworten, er hätte vermutlich kaum noch Zeit zu schlafen.

Sarah Kuttner hat „nur“ etwas mehr als 41.000 Follower. Das ist zwar auch nicht gerade wenig. Doch von bieberschen Dimensionen ist die Autorin noch weit entfernt. Darum kann es schon hin und wieder vorkommen, dass Kuttner auf einen Tweet antwortet. Und bei der Nachricht von Monika Wüllner nahm sie sich sogar Zeit, etwas ausführlicher zu werden.

Um 0.16 Uhr in der Nacht von Donnerstag auf Freitag veröffentlichte Kuttner den Screenshot einer E-Mail auf Twitter. Als Empfänger hatte sie die HNA-Redaktion in Korbach angegeben. Dort arbeitet Wüllner nämlich als Zeitungsredakteurin, wie sie – zumindest am Donnerstag noch – in ihrem Twitter-Profil angegeben hatte. Kuttner schrieb:

Kuttner

Die ersten Reaktionen folgten schnell: Innerhalb kürzester Zeit wurde der „Leserbrief“ auf Twitter herumgereicht. Zum jetzigen Zeitpunkt kommt er auf 143 Retweets und 397 Favs (Stand Sonntag, 9. Juni, 21 Uhr). Hinzu kommt noch die ein oder andere Weiterleitung, die nicht automatisch gezählt wurde. Am Freitagabend griff auch die Süddeutsche das Thema auf. Marc Felix Serrao nahm sich sogar die Zeit und rief in Korbach an. Er versuchte zu recherchieren, was genau Wüllner eigentlich mit ihrem Tweet beabsichtigt hatte:

Am Telefon erklärte Wüllner der SZ am Freitag, dass es nie ihre Absicht gewesen sei, die junge Moderatorin zu beleidigen. Der Eintrag „war gar nicht für Frau Kuttner gedacht und entstand in einem ganz anderen Zusammenhang“. Was das gewesen sein soll, hatte sie zuvor schon in mehreren Tweets zu erklären versucht, von „Das war die falsche Adresse“ bis „Es geht um Spinnenphobien“.

Zwischen der Veröffentlichung des Briefes von Sarah Kuttner und der ersten Reaktion von Monika Wüllner vergingen etwa neun Stunden. Neun Stunden, in denen Kuttners Tweet vielfach „gefavt“ und „retweetet“ wurde. Soll heißen: Neben der Autorin und Wüllner hatten zahlreiche Personen die Nachricht bereits gelesen und sich ihre Meinung dazu gebildet, ohne dass die Redakteurin darauf reagieren konnte. Hätte Kuttner die Nachricht nicht erst nach 0 Uhr abgesetzt – die Durchschlagskraft wäre vermutlich um ein Vielfaches höher gewesen.

Ich weiß auch nicht, warum die HNA-Redakteurin diesen Tweet veröffentlicht hat. Letztlich gibt es nur eine Person, die tatsächlich Licht ins Dunkel bringen könnte, und das ist die Autorin selbst. Sie hat dann auch am Freitagmorgen versucht zu erklären, was da genau passiert ist. Wirklich klar wird das zwar nicht. Aber sie hat sich entschuldigt und erklärt, dass es ein Versehen gewesen sei. Und dass sie eigentlich ein großer Fan von Sarah Kuttner ist.

Es wäre kein Problem gewesen, Wüllner eine E-Mail zu schreiben. Und das hat Kuttner ja getan. Eine kurze Google-Suche reicht aus, um an die Redaktionsadresse der HNA in Korbach zu kommen. Dorthin ging die Mail auch. Doch Kuttner war anscheinend ernsthaft beleidigt. Vielleicht wollte sie auch eine Exempel statuieren. Nicht immer nur einstecken – auch mal austeilen. Das kann man verstehen – trotzdem war es eine unverhältnismäßige Reaktion.

Sarah Kuttner, die arme Prominente, die im Netz ständig Haue einstecken muss. Von Menschen, die sie nicht kennt, die häufig noch nicht einmal ihre Klarnamen angeben. Wie passend kam doch da die Nachricht von Monika Wüllner – oder Moni, wie Kuttner sie nennt. Endlich ein Gesicht, endlich auch eine Person der Öffentlichkeit – zumindest in Korbach. Eine Redakteurin. Eine Journalistin. Der kann ich es mal zeigen, könnte sich Kuttner gedacht haben. Denn alles andere ergibt kaum einen Sinn. Warum sonst hätte sie die E-Mail veröffentlichen sollen? Warum sonst hätte sie sich die Mühe gemacht, ausführlich zu antworten und den Text anschließend bei Twitter einzustellen? Und genau da ist das Problem. Genau da frage ich mich: Warum, Sarah?

Sarah Kuttner ist eine Prominente – eine Person des öffentlichen Lebens, wie es so schön heißt. Ihrem Twitter-Account folgen über 41.000 Menschen. Was immer sie über die sozialen Medien teilt, wird hundertfach, wenn nicht sogar tausendfach gelesen und weitergegeben. Kuttner versammelt Kritiker und Fans um sich. Vor allem auf letztere konnte sie sich im Falle Wüllner verlassen. Schnell sprangen ihr die ersten zur Seite, schnell gab es Lob für die Aktion. Dass hier jemand öffentlich an den Pranger gestellt wurde – ob nun zu Recht oder nicht – spielte keine Rolle. Denn die Möglichkeit, den Vorwürfen auf dem gleichen Level zu begegnen, hatte Wüllner nicht. Wüllner hat bei Twitter genau 89 Follower – ein Großteil dürfte erst durch die Kuttner-Aktion hinzugekommen sein. Wenn sie etwas bei Twitter veröffentlicht, liest das vielleicht eine Handvoll Menschen. Wir sprechen also von unfairen Bedingungen. Wir reden von einem Auftritt in einer Talkshow, bei der der Protagonist gegen eine Person zuhause auf dem Sofa stichelt. Während die Talkshow von Millionen Menschen verfolgt wird, bleibt dem Beschuldigtem in seinem Wohnzimmer nur der Gang ins Internet oder zum Telefon – um sich bei Freunden auszuheulen, um sich zu rechtfertigen. Fair ist das nicht.

Darum: Wir müssen aufpassen, was wir sagen. Wir müssen im Auge behalten, was wir schreiben, worüber wir kommunizieren und vor allem – wie wir das machen. Eine Redakteurin muss wissen, wie sie sich öffentlich äußert. Und dazu gehören als Mittel auch die sozialen Netzwerke – heute so sehr wie nie zuvor. Doch es kann nicht angehen, dass ein Prominenter – ganz egal wie persönlich angegriffen er sich fühlen mag – seine Macht und Reichweite dazu ausnutzt, zurückzuschlagen. Er sollte es besser wissen. Er oder sie.

 


Ich habe selbst zwei Jahre für die HNA gearbeitet – allerdings nicht in Korbach. Darum kenne ich Monika Wüllner nicht persönlich. Allerdings kenne ich die Online-Redaktion der HNA. Ich weiß, dass man dort – im Gegensatz zu vielen anderen Regionalzeitungen – online tatsächlich groß schreibt. Die Seite HNA.de ist eine kleine Erfolgsgeschichte mit über 3,9 Millionen Besuchern jeden Monat (Stand Mai 2013). Etwa zehn Mitarbeiter kümmern sich die ganze Woche über in Schichten um die Seite, die sozialen Medien und das eigene Regiowiki. Sie drehen Filme, legen Bildergalerien an und kommentieren Fußball-, Eishockey- und Handballspiele live aus den Stadion und Hallen. Und sie bringen den Zeitungsredakteuren bei, wie sie mit den sozialen Medien umzugehen haben.

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1 Kommentar

  1. Danke. Es hat mein Leben verändert

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