Seit ein paar Wochen haben wir es schwarz auf weiß: Unsere Regierungen lesen, hören und sehen mit. Wenn wir im Internet surfen, wenn wir telefonieren, wenn wir uns unterhalten: Privatsphäre ist ein Auslaufmodell. Edward Snowden hat uns das erneut eindrucksvoll vor Augen geführt. Aber warum nehmen wir es einfach so hin?

Ein Unternehmen verschickt eine E-Mail.

„Lieber Internet-Nutzer XY. Wir sind über deine Kritik zu unserem Produkt im Netz gestolpert. Es tut uns sehr leid, dass du nicht zufrieden bist. Wir möchten dir darum einen Vorschlag machen…“

Was vor ein paar Jahren noch für großes Aufsehen sorgte, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Täglich bekommen Menschen, die sich im Netz über einen Service, ein Produkt oder ganz allgemein über ein Unternehmen beschweren, Post. Ihnen wird ein Austausch angeboten, eine Gutschrift schmackhaft gemacht oder eine Rückgabe nahegelegt. Kundendienst nennt sich dieser Apparat.

Dahinter stecken große Firmen wie die Bahn, die Telekom, die Post – um nur einige zu nennen. Sie haben Mitarbeiter engagiert, die den ganzen Tag das Netz durchforsten. Sie suchen nach Stichwörtern bei Twitter, sie durchforsten Gruppen bei Facebook, sie haben Benachrichtigungen bei Google eingerichtet. Wird ein zuvor festgelegter Begriff genannt, nehmen sie ihre Arbeit auf. Sie schreiben E-Mails, rufen an oder verschicken einen Brief. Noch einmal: Kundenservice, der Dienst am Kunden. Wir haben uns längst daran gewöhnt.

Nun stellen wir uns aber einmal vor, diese Unternehmen würden sich zusammenschließen. Sie würden ihre Ressourcen bündeln, ein weltweit agierendes Netzwerk bilden. Aus einer Handvoll Mitarbeiter in einem Büro ins Gütersloh oder Bonn würden auf einmal hunderte, ja tausende Angestellte. Neben den Daten, die wir freiwillig im Netz preisgeben, würden noch weitere gesammelt. Bei uns zuhause. Auf der Straße. Im Supermarkt.

Chat-Gespräche per Skype? Unterhaltungen am Telefon? Diskussionen im Büro? All das würde aufgezeichnet, ausgewertet und vielleicht irgendwann wieder gelöscht.

Diese Unternehmen – nennen wir sie der Einfachheit halber ab sofort Regierungen – würden in großen Städten Telefonzellen aufstellen, um Telefonate mithören zu können. Sie würden Wanzen installieren, Kameras aufbauen, Handydaten und GPS-Informationen auswerten. Ohne, dass jemand etwas davon mitbekommt. Ohne, dass dir jemand anschließend eine nette E-Mail schreibt. Aus Kundenservice wird Überwachungsdienst.

Die Regierungen würden deine Privatsphäre missbrauchen. Sie würden dein hübsches kleines Tagebuch mit Zahlenschloss daran vergewaltigen.

Und nun stellen wir uns einmal vor, vieles davon träfe bereits zu. Wärst du überrascht? Würde dich das erschrecken? Dann ich habe eine wichtige Nachricht für dich: All das ist längst Realität.

Echelon, Snowden, Prism, Tempora. Schon einmal von diesen Begriffen gehört?

Falls nicht, dann wird es höchste Zeit. Und es wird Zeit, dass du etwas dagegen unternimmst. Dass wir etwas dagegen unternehmen.

Es sind nun einige Tage vergangen, seit Edward Snowden seine Informationen über die Abhör- und Datensammelaktionen der Geheimdienste und Regierungen mit den Medien geteilt hat. Es wurde viel berichtet – manchmal vielleicht zu viel.

Und trotzdem: Warum sind wir nicht auf der Straße?

Warum fällt die Empörung nicht größer aus?

Warum regt sich nur geringer Widerstand?

Wenn Facebook wieder mal an den Privatsphäre-Einstellungen dreht, ist die Aufregung größer.

Warum?

Nur weil die Datensammler nicht mit Wasserwerfern und Tränengas auf dich schießen, heißt das noch lange nicht, dass du weniger gefährdet bist.