Wer in den USA als Technologie-Journalist etwas auf sich hält, der will mit seinem Beitrag nicht notwendigerweise auf der Startseite der New York Times stehen. Der muss nicht unbedingt die Titelseite der Washington Post füllen. Der kann verschmerzen, nicht für Walt Mossberg und AllThingsD zu arbeiten. (Obwohl alle drei genannten Dinge sicherlich auch weiterhin erstrebenswert sind.) Wer in den USA einen Artikel über technologierelevante Dinge schreibt, der hat vor allem ein Ziel: einen prominenten Platz bei Techmeme.com.

Techmeme ist ein sogenannter Newsaggregator. Weil das ziemlich bekloppt klingt, hier noch mal anders ausgedrückt: Techmeme ist eine Seite, auf der zeitnah relevante Beiträge einlaufen, über die die vorwiegend US-amerikanische Tech-Szene gerade spricht. In Echtzeit, ständig aktuell und nach bestimmten Themen gruppiert. Wann immer es ein Ranking der besten Websites gibt: Techmeme ist – zumindest in den USA – in der Regel vertreten.

Hinter Techmeme steckt der ehemalige Intel-Softwareentwickler Gabe Rivera. Am 12. September 2005 startete er die Seite tech.memeorandum, die ein Jahr später in Techmeme umbenannt wurde. Ähnlich der Google-Suche werden bei Techmeme mithilfe eines bestimmten Algorithmus’ Geschichten hinsichtlich ihrer Relevanz gewichtet und anschließend auf der Seite angeteasert. In der Regel finden sich dort eine Überschrift mit Link zur Quelle, ein kurzer Teaser und anschließend Verlinkungen zu weiteren Websites, die sich ebenfalls mit dem Thema befassen. Es folgt eine Auflistung von Twitter-Nutzern, die die Geschichte geteilt haben.

Wie man es schafft, auf der Seite gelistet zu werden, ist ein ähnlich offenes Geheimnis wie ein möglichst hohes Ranking in der Google-Suche. Je mehr Links auf einen Beitrag verweisen, desto besser. Je häufiger die Geschichte in den sozialen Medien wie Twitter und Facebook geteilt wird – desto größer die Wahrscheinlichkeit einer prominenten Techmeme-Platzierung. Wichtig ebenfalls: das Alter des Beitrages. So schnelllebig, wie die Technologie-Berichterstattung heutzutage ist, liegt die durchschnittliche Verweildauer einer bestimmten Geschichte auf Techmeme im Tages-, häufig aber auch nur im Stundenbereich. Denn genau wie ein neues Smartphone, das nach seiner Einführung schon wieder veraltet ist, ist auch eine exklusive Story nur solange spannend, bis die nächste um die Ecke kommt. (Oder bis ein anderes Medium mit mehr Reichweite sie aufgreift und niemand mehr den Weg zur ursprünglichen Quelle findet.)

Auf die Geschichte folgt der Traffic

Es gibt Menschen, die finden Techmeme gut. (Das sind in der Regel die, die mit ihren Beiträgen auch auf der Seite auftauchen.) Und es gibt Menschen, die halten wenig bis gar nichts von dem Angebot. (Das sind dann in der Regel die, die bisher draußen bleiben müssen.) Das Spiel um einen Platz auf der Seite treibt mitunter seltsame Blüten. Ich folge bei Twitter einer Menge US-Journalisten und Tech-Blogger. Wenn sie eine heiße Story veröffentlicht haben, twittern sie natürlich auch darüber. Häufig mit dem Account @Techmeme im CC. Wenn es mal etwas länger dauert, bis ihre Geschichte es auf die Seite schafft, dann können sie durchaus ungehalten werden. Warum diese Ungeduld? Ganz einfach: Techmeme gehört für viele techaffine Leser zur (morgendlichen) Basislektüre. Taucht eine Geschichte auf der Seite auf, folgt ihr dementsprechend auch der Traffic.

Finanziert wird Techmeme durch Gründer Gabe Rivera, es gibt keine Investoren. Über ein Sponsorenprogramm können für monatlich 7.000 bis 17.000 US-Dollar spezielle Plätze auf der Seite gebucht werden. Ab 3.500 Dollar pro Monat kann sich ein Unternehmen in die „Wir stellen ein“-Rubrik einkaufen. Messen, Veranstaltungen und Events werden für eine Mindestzahlung von 3.000 Dollar gelistet.

Zu Beginn ein Einmannbetrieb, arbeiten mittlerweile sechs Redakteure für die Seite. Hinzu kommen drei Entwickler und Administratoren, zu denen nach wie vor auch Gründer Gabe Rivera gehört, sowie drei Redakteure für die Schwesternseite Mediagazer. Mediagazer ähnelt Techmeme. Allerdings konzentriert sich die Seite vor allem auf Nachrichten rund um die Medienszene.

Der erste Redakteur wurde vor fünf Jahren eingestellt

Als Techmeme vor fünf Jahren einen ersten Redakteur einstellte, schrieb das deutsche Blog Netzwertig.com von einem „interessanten Schritt“: „Manche Dinge können Menschen noch besser als Maschinen. Das Aufräumen von algorithmisch erstellten Nachrichtensites gehört dazu. Ein Editor erkennt mit einem Blick, ob Stories falsch gruppiert sind, ob sie eigentlich gruppiert gehörten, ob eine Nachricht nicht schon vom Fluss der Ereignisse überholt wurde, und einiges mehr.“

Vor ein paar Tagen hat Techmeme einen weiteren großen Schritt gewagt. Statt wie bisher die Überschriften und den Teaser von den Ursprungsquellen zu übernehmen, schreiben die Redakteure nun ihre eigenen Überschriften – zu fremden Texten. Eine Ankündigung, die in der Szene für viel Wirbel gesorgt hat. Schließlich darf zu Recht gefragt werden, ob damit den Autoren nicht fremde Worte in den Mund gelegt werden.

Ich bin anderer Meinung. Journalisten aus dem Technologiebereich neigen vor allem in den USA gerne zu mehrdeutigen, anspielungsreichen und feuilletonistischen Überschriften. Häufig wird nur durch den Teaser oder das zugehörige Bild klar, worum es überhaupt geht. In seiner Verteidigungsschrift nennt Techmeme-Gründer Gabe Rivera noch ein paar weitere Gründe. Jeder Journalist und Blogger dürfte sich hier vermutlich irgendwie wiederfinden:

  • News organizations that cover more than just tech often favor headlines describing the story in the most general terms that the widest possible audience can appreciate at some level. (…)
  • In some news organizations, particularly the older ones, too often the editor tasked with writing the headline doesn’t appreciate the most newsworthy part of the story, „burying the lede“ with a headline oblivious to the news.
  • With few exceptions, companies announcing bad news will omit specifics at the headline level. For example, a post disclosing the theft of a million user passwords will usually carry a headline such as „Important Security Update“.
  • Some publishers value clicks from Twitter or Facebook over readers‘ time, writing (and tweeting) headlines that deliberately omit key details, requiring readers to click to get the most basic summary.
  • Even worse, some misleadingly inflate the importance of the news in the headline, goosing clickthroughs, but setting up discerning readers for disappointment.
  • Bloggers with a devoted readership who can count on readers consuming the bulk of their output often enjoy writing more cerebral, enigmatic titles with meanings that fully reveal themselves only after reading the story.
  • Some bloggers consider composing a headline a mere chore, dashing out a few words thoughtlessly, and moving on.

Um das Spiel mit den Überschriften noch auf die Spitze zu treiben, wurde kurz nach der Ankündigung, in Zukunft selbst Überschriften zu basteln, ein Twitter-Account namens „Techmeme Heds“ gestartet (Urheber unbekannt). Über @nottechmeme werden „Wahrheiten“ der schreibenden Techenologie-Szene verbreitet. Unbedingt folgenswert!

Ein paar Beispiele: