Aktivist oder Journalist? Seit der NSA-Enthüller Glenn Greenwald Ende 2013 während des Chaos Communication Congress in Hamburg zu „seinen Jüngern“ (Zitat Zeit Online) sprach, hinterfragen Journalisten in Deutschland ihren Beruf. Eine Zusammenfassung der bisherigen Debatte.

Den Anstoß zu dieser vor allem im Netz ausgetragenen Diskussion gaben die Zeit-Online-Redakteure Kai Biermann und Patrick Beuth mit ihrem Artikel „Der Freiheitskämpfer Glenn Greenwald“. Darin schreiben sie, dass Greenwald eine Grenze überschritten habe, als er „wir“ sagte statt „ihr“. Er habe „sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern“, die gegen die Geheimdienste und gegen die Länder kämpfen, die ihre umstrittenen Aktivitäten autorisiert haben. Er sehe sich als einer von ihnen, aber „nicht mehr als Teil der Medien, nicht mehr als Journalist“.

Eine Antwort, ob Greenwalds Vorgehen richtig oder falsch ist, bleiben Biermann und Beuth schuldig. Sie beenden ihren Kommentar stattdessen mit einer Reihe von Fragen:

  • Ist es verwerflich, dass Greenwald selbst die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus nicht mehr klar zieht?
  • Braucht es mehr Meinung, mehr Position?
  • Braucht es Journalisten, die auch jenseits ihrer Artikel und Berichte für etwas eintreten?
  • Oder sollen Medien eher versuchen, so neutral wie möglich zu sein und anderen den Aktivismus überlassen?

Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels meldet sich Greenwald selbst auf Twitter zu Wort. Es entwickelt sich eine spannende Diskussion, an der sich immer weitere Personen beteiligen. Hier ein paar Auszüge:


In den folgenden Tagen geht die Auseinandersetzung weiter. Wolfgang Blau vom Guardian wirft auf Twitter ein, dass das Thema international schon viel länger diskutiert wird. Er verweist auf eine Kolumne in der New York Times, in der sich Bill Keller und Greenwald im Zwiegespräch bereits Ende Oktober ausführlich über die Zukunft des Journalismus ausgetauscht hatten.

Weil der Text die Debatte in den USA losgetreten hat, die jetzt auch nach Deutschland überschwappt, hier einige der Kernaussagen zum Verhältnis von Aktivismus und Journalismus aus dem Artikel:

Keller sieht zwei unterschiedliche journalistische Traditionen. Er selbst habe Jahre damit verbracht, für Zeitungen zu arbeiten, bei denen eine unabhängige und streitlustige Berichterstattung im Vordergrund stand. Von Reportern und Redakteuren sei erwartet worden, die persönliche Meinung für sich zu behalten. Es sei denn, die Artikel waren deutlich als Meinungsstück gekennzeichnet. Greenwald sieht er hingegen eher als einen Aktivisten. Sein Hintergrund – zunächst als Anwalt, dann als Blogger und Kolumnist und bald als Teil eines neuen Projekts von Ebay-Gründer Pierre Omidyar – würde sich in seinen Beiträgen widerspiegeln. Die Texte hätten immer einen bestimmten Standpunkt.

Greenwald ist der Meinung, dass mit der bisherigen Tradition, so wie Keller sie gelernt und gelebt hat, gebrochen werden muss. Im Schatten dieses Modells sei schlechter Journalismus gereift, und fatale Gewohnheiten hätten sich eingeschlichen. Der Beruf als solcher sei geschwächt worden, weil es sich die Journalisten auf der Suche nach einer größtmöglichen Meinungsfreiheit oft verkniffen hätten, die Wahrheit zu sagen. Greenwald schreibt, dass das Verbot, die eigenen Gedanken auszudrücken, dem Journalismus seine Seele raube. Das Modell basiere zudem auf einer trügerischen Annahme: Der Mensch sei keine durch Objektivität angetriebene Maschine. Stattdessen würde er die Welt um sich herum aufgrund subjektiver Einflüsse wahrnehmen und einordnen.

Greenwald behauptet, dass jede Form von Journalismus auch aktivistisch sei. Schließlich gehe es immer darum, hochgradig subjektive Annahmen zu vertreten – kulturell, politisch oder nationalistisch. Damit würde man so oder so den Interessen der einen oder anderen Seite dienen. Es sei darum ehrlicher, die eigene Meinung zu äußern und zu vertreten, als mit ihr hinterm Berg zu halten. Das sei vertrauenswürdiger.

Genau damit hat Keller jedoch ein Problem. Wer erst einmal seine Anschauungen und politischen Werte offengelegt habe, der wolle diese auch verteidigen. Das liege in der Natur des Menschen. An dieser Stelle käme man dann jedoch schnell in Versuchung, bestimmte Fakten zu verschweigen oder ihnen weniger Gewicht einzuräumen, um den eigenen Standpunkt zu untermauern.

Greenwald fragt, ob nicht auch die Journalisten in Versuchung kommen könnten, die sich mit ihrer eigenen Meinung zurückhalten. Jegliche Manipulationen seien bei ihnen noch viel gravierender. Der Leser wisse schließlich nichts von den versteckten Ansichten und könnte sie darum nicht berücksichtigen.

Keller ist dennoch der Ansicht, dass Unbefangenheit im Journalismus erstrebenswert ist. Nur so ließen sich alle möglichen Annahmen überprüfen – auch die eigenen. Nur so könne man der Wahrheit näher kommen. Bei einem Modell, das von Anfang an auf einem festgelegten Standpunkt basiere, sei es viel unwahrscheinlicher, dass am Ende auch die Wahrheit herauskomme.

Keller ist überzeugt, dass unvoreingenommener Journalismus heute so wichtig ist wie niemals zuvor. Auch wenn er vielleicht nicht die Seele habe, die Greenwald sich wünscht. Die Welt sei voll von Medien, die ihren Lesern genau das präsentieren, was sie lesen wollen. Viel zu leicht gerate man so in Blase, die einen nur in den eigenen Ansichten stärke. Es sei zu einfach, sich informiert zu fühlen, ohne jemals auf Informationen zu stoßen, die die eigenen Vorurteile ins Wanken bringen.

Doch wie läuft die Debatte in Deutschland weiter?

Nachdem Biermann und Beuth ihren Artikel veröffentlicht haben, greift Ole Reißmann das Thema bei Spiegel Online auf. Er schreibt, dass es Greenwald im Kampf für einen anderen Journalismus ungleich schwerer habe als seine Mitstreiter. Zwar würde der 46-Jährige nur sagen, was Journalistenschüler heute alle lernen („Niemand ist völlig neutral, immer spielt der eigene Hintergrund und die eigenen Erfahrungen eine Rolle bei den Entscheidungen darüber, was in welcher Form berichtet wird.“).

Allerdings prangere er mit der Verletzung der Privatsphäre etwas an, das nicht so konkret sei wie notleidende Menschen in Syrien. Ein Spiegel-Reporter hatte vor Weihnachten um Spenden für das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land gebeten. Aktivismus hat man ihm dafür nicht unterstellt.

Einen Tag später kommentiert Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner, dass er sich nur schwer vorstellen kann, „dass Journalisten Akteure eines Themas sind, dem sie sich professionell widmen“. Selbst wenn vollkommen transparent sei, dass jemand Wahlkampf für eine Partei mache, aktives Mitglied eines Verbandes sei oder Aktien empfehle, so müsste er sich als Journalist doch fragen, wie sein Aktivismus sein Streben nach Erkenntnis beeinflusst.

Wegner vertritt in seinem Kommentar ähnliche Ansichten wie Keller in der New York Times. Er spricht von einem Journalismus – von seinem Journalismus –, der in die Jahre gekommen sei und Kratzer bekommen habe. Er bezeichnet das Neutralitätsprinzip als ein Ideal, nach dem wir streben sollten – auch wenn wir es wohl nie erreichen werden. Aber selbst dann sollte wir dieses Scheitern dokumentieren.

Wegner schließt damit, dass Greenwald vermutlich gut damit leben kann, für einige Journalisten nicht als Journalist zu gelten. Eine Demokratie lebe jedoch besser mit Journalisten, „die weiter ihren romantischen Idealen nachhängen“.

Am 31. Dezember 2013 wirft Anne Roth bei Twitter plötzlich zahlreiche Fragen zum Thema Journalismus/Aktivismus auf. Einen Tag später folgte ein zugehöriger Blog-Eintrag. Darin listet die Medien- und Netzaktivistin noch einmal zahlreiche Denkansätze auf und schließt damit, dass es Zeit wird zu überdenken, „ob Journalismus eine Textform oder eine demokratische Funktion ist, die sich für den Schutz der Pressefreiheit einsetzt, und wie definiert wird, wenn beides zusammenkommt“. Die alten Kategorien würden längst nicht mehr gelten. Technisch und politisch habe sich vieles verändert. Darum sei es dringend erforderlich, darüber zu diskutieren, was und wie Journalismus sein kann, „bevor er von der medialen Evolution überrollt wird“.

Bleibt noch ein Kommentar von Günter Hack auf Zeit Online vom 5. Januar. Er zeigt in seinem Beitrag auf, dass fast jeder Journalist Angriffsfläche bietet, um ihm aktivistisches Vorgehen anzukreiden. Als Beispiel nennt Hack unter anderem die beiden Veteranen des US-amerikanischen Tech-Journalismus Walt Mossberg und Kara Swisher. Nach der Trennung vom Wall Street Journal haben sie gerade ihre neue Website Re/code vorgestellt. Hack fragt: Sind sie Aktivisten in eigener Sache?

Da ihnen niemand bisher den Journalistenstatus abgesprochen habe, dürfe man dies auch bei einem Greenwald nicht tun. Zudem der 46-Jährige laut Hack ein Problem hat: „Die Faustregel, dass idealtypische Journalisten nicht zu Akteuren des von ihnen bearbeiteten Themas werden sollten, könnte Glenn Greenwald nur erfüllen, indem er für immer schwiege.“

Weitere Artikel zum Thema (wird weiter aktualisiert):

Die Angst der deutschen Journalisten vor dem Aktivismus (Carta, 6. Januar 2014)

Die Schnittmenge zwischen Journalismus und Aktivismus (annalist, 5. Januar 2014)

Das Ende der Unterschiede? (DRadioWissen, 5. Januar 2014)

Die Debatte über Aktivismus und Journalismus (Internet-Law, 30. Dezember 2013)

Wie engagiert darf, wie neutral muss Journalismus sein? (Neues Deutschland, 29. Dezember 2013)

Dürfen Journalisten Aktivisten sein? (Carta, 28. Dezember 2013)

Sind Journalisten immer auch Aktivisten? (Zeit Online, 28. Dezember 2013)

Der Journalismus, den Greenwald meint (FAZ, 28. Dezember 2013)

Wieviel Aktivismus darf Journalismus? (Metronaut, 28. Dezember 2013)

When do journalists turn into activists? (Daniel Bröckerhoff, 28. Dezember 2013)

„Sie wollen die Privatsphäre eliminieren“ (Süddeutsche.de, 27. Dezember 2013)

Macht Licht! (The European, 25. Dezember 2013)

Wie engagiert darf, wie neutral muss Journalismus sein? (Carta, 16. Dezember 2013)