„Ich war betrunken, und es tut mir leid.“ Mit diesen Worten hat sich der Start-up-Berater und europäische Investor Pavel Curda am Mittwoch für sein Verhalten gegenüber zwei Frauen entschuldigt, denen er auf einer Tech-Konferenz in Berlin sexuell eindeutige und unangemessene Nachrichten geschickt hatte.

Eine der Betroffenen hatte sich kürzlich dem US-Blog Valleywag anvertraut und berichtet, dass sie sich im Juli am Rande einer Start-up-Veranstaltung mit Curda getroffen hatte, um über geschäftliche Dinge zu reden. Als sie abends ins Hotel zurückkehrte, wartete dort bereits eine E-Mail mit folgendem Inhalt auf sie:

“I like you a lot. Hey G. I am not leave [sic.] Berlin without having sex with you. Deal?”

Absender ein gewisser Pavel Curda, Empfängerin Gesche Haas.

Haas ist eine junge Frau mit deutschen Wurzeln, die heute für ein Start-up in New York arbeitet. Als sie die Nachricht las, war sie so verwirrt, dass sie stundenlang nicht schlafen konnte, wie sie Valleywag erzählte. „Habe ich irgendetwas angedeutet?“, ging ihr durch den Kopf. Sie machte sich Gedanken, bis sie am nächsten Tag erfuhr, dass noch eine Teilnehmerin der Konferenz genau die gleiche E-Mail erhalten hatte. „Da wusste ich, dass ich dieses Verhalten nicht verursacht hatte.“

Als ihr Curda im Verlauf des Events noch einmal über den Weg lief, sagte Haas ihm dann, dass seine E-Mail unangemessen gewesen sei. Der Investor entschuldigte sich daraufhin offenbar. Doch Haas lehnte diese Entschuldigung ab, wie heute auf der US-Seite TechCrunch zu lesen ist.

Nach Veröffentlichung der Valleywag-Geschichte hatte sich Curda noch ganz anders geäußert. Auf Twitter veröffentlichte er am Dienstag einen Tweet und schrieb, dass sein E-Mail-Account gehackt worden sei und viele Personen möglicherweise seltsame Nachrichten von ihm erhalten hätten.

Das war der Zeitpunkt, als sich eine zweite Frau zu Wort meldete und erklärte, ebenfalls ein unverfrorenes Angebot von Curda erhalten zu haben. Als direkte Antwort auf seinen Tweet fragte die in Berlin lebende Eventmanagerin Lucie Montel, ob denn dann auch sein Telefon gehackt wurde:

Sie fügte ihrer Antwort einen Screenshot bei, der zeigt, dass auch sie an diesem Abend eine Nachricht von Curda erhielt – mit identischem Wortlaut. Darauf angesprochen erklärte der Investor, dass er sich nicht daran erinnern könne, diese Mitteilung abgesendet zu haben: „Allerdings war ich sehr betrunken in dieser Nacht. (…) Es tut mir leid. Es war nichts Geschäftliches (…). Ich will nicht, dass so etwas noch einmal geschieht.“

In einer E-Mail an TechCrunch schrieb Montel, dass sie sich geschämt und schuldig gefühlt und nicht die Courage besessen habe, etwas zu unternehmen. „Aber jetzt ist es heraus, und ich kann nicht zulassen, dass die Menschen daran zweifeln oder es als unbedeutend abtun.“ Es seien nur zwei unangemessene Nachrichten von einem Vertreter der Branche. Aber es könnte schließlich noch viele andere geben.

Und tatsächlich sind Fälle wie dieser keine Seltenheit. Die Start-up-Szene wird von Männern dominiert. Frauen haben es auch in Deutschland immer noch schwer, wie mein Kollege Stephan Dörner vor ein paar Tagen schrieb. Zwar gibt es sie – die erfolgreichen Gründerinnen. Doch noch immer werden viel zu häufig Events veranstaltet, bei denen nur Männer auf der Bühne stehen. Viel zu häufig machen Geschichten wie die von Erica Swallow die Runde, die erkennen musste, dass man bei Risikokapitalgebern als Frau noch immer auf verlorenem Posten steht. Und viel zu häufig verlassen Frauen Start-ups, weil sie der tägliche Sexismus in ihrem Umfeld zu sehr belastet.

Darum beschließen die Autoren sowohl bei Valleywag als auch bei TechCrunch ihre Artikel mit einem Appell.

Sam Biddle (Valleywag) macht sich für mehr Aufmerksamkeit für das Thema stark. Er schreibt:

Die Silicon-Valley-Maschine wird von Macht und Geld angetrieben. Männer haben darauf beinahe ein Monopol. Das ist für sie vorteilhaft und führt dazu, dass sie sich benehmen, als könne ihnen nichts passieren. Doch mit jeder mutigen Frau wie Gesche Haas wird dieses Monopol ein bisschen schwächer.

Mike Butcher (TechCrunch) wird noch deutlicher. Alle, die irgendwie mit der Tech- und Start-up-Szene zu tun haben, sollten sich die letzten 16 Absätze seines Artikels ausdrucken und an die Wand hängen. Er schließt mit folgenden Worten:

Technologien sind die Grundlage unserer Zukunft. Da darf niemand ausgeschlossen werden. Wer in der Tech-Branche arbeitet, muss verstehen lernen, dass Geschlechtsneutralität wichtig aber noch längst nicht alltäglich ist.

Wir müssen erst noch dahinterkommen, was es für Männer und Frauen bedeutet, gleichberechtigt in einer Branche zu arbeiten. Denn bisher gibt es nur sehr wenige Frauen, die es bis ganz nach oben geschafft haben.

Bei all dem helfen Geschichten wie die aktuelle kaum. Genau wie die Story von Gurbaksh Chahal oder die von miesen Investoren mit Macht auf eine Gruppe, die sich besonders leicht beeindrucken lässt – die Gründer.

Diese Menschen sind in unserer Mitte nicht willkommen. Es ist höchste Zeit, dass etwas geschieht.

Übrigens: Ehemalige Arbeitgeber von Curda haben mittlerweile Konsequenzen gezogen. TheNextWeb.com veröffentlichte einen Beitrag, in dem man erklärte, dass Curda hin und wieder Beiträge für die Seite geschrieben habe. Weil man sein Verhalten jedoch nicht tolerieren könne, würde man in Zukunft von einer Zusammenarbeit absehen.

Auch hub:raum, der Inkubator der Deutschen Telekom, für den Curda in der Vergangenheit als Berater aufgetreten war, teilte auf Anfrage mit, dass man sofort nach Bekanntwerden der Geschichte den Mentor von seiner Website genommen habe. „Solch ein Verhalten ist völlig inakzeptabel, und wir bei hub:raum fahren eine Null-Toleranz-Linie, wenn es um sexuelle Belästigung geht“, erklärte eine Sprecherin.