Vor ein paar Tagen schrieb ein Kollege, dass er Selfies eigentlich ganz gut finde. Selbst dann, wenn sie in einem ehemaligen Konzentrationslager gemacht werden. Das könne man schließlich auch als Versöhnungsprozess begreifen.

Mit Verlaub, aber das ist Unfug. Größtmöglich anzunehmender Unfug. Selfies sind die Pest. Das muss so deutlich gesagt werden. Es hilft uns nicht weiter, sie einfach zu ignorieren. Wir dürfen sie nicht legitimieren. Ihre Verbreitung zu unterstützen – ganz egal an welchem Ort – ist unverantwortlich.

Selfies sind eine Seuche, die sich immer weiter ausbreitet. Die Krankheit ist hochgradig ansteckend und wird aus bislang noch unbekannten Gründen ausschließlich vom Menschen übertragen. Waren zu Beginn vor allem Kinder und Jugendliche betroffen, sind erste Anzeichen mittlerweile immer häufiger auch bei älteren Generationen zu entdecken. Um das Phänomen zu erforschen, war ich in den vergangenen Tagen auf einer Exkursion. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie schlimm es bereits um die Menschheit steht. Mit Smartphone, Kamera und Ladegerät ausgestattet, habe ich mich in die Gefahrenzone begeben und Touristenattraktionen in Prag, Berlin und Paris besucht. Eine Abenteuerreise, aber irgendjemand muss es ja machen.

Zunächst sollte ich klarstellen, dass ich Selfies nicht verstehe, nicht verstehen kann. Ich kann mich noch gut an die Diaabende in meiner Kindheit erinnern. Wenn die Großeltern Bilder zeigten oder die Verwandten zur Nachbetrachtung des Familienurlaubs einluden. Als ich Anfang 1999 nach einem Jahr in Chile zurück nach Deutschland kam, brachte ich ebenfalls Dias mit. Auf einigen war auch ich zu sehen. Und ich weiß noch genau, wie ich diese beim Vorführen immer schnell weggeklickt habe. Denn was gab es schon groß zu sagen: „Das bin ich… und im Hintergrund ist das Meer zu sehen.“ „Das bin ich mit einem Freund, wie wir in die Kamera gucken. Im Hintergrund ein paar Bäume.“ Das machte mir keinen Spaß, das machte den Zuschauern keinen Spaß. Reisebilder sind dafür da, dass man sie jemandem zeigt. Und zur persönlichen Erinnerung. Doch in erster Linie sollen sie mit Freunden, Verwandten und Bekannten geteilt werden. Warum also sollte man dabei selbst ständig im Vordergrund stehen? Hier ein Duckface, da ein Kussmund. Das wirkt falsch, das ist gestellt.

Mit Verlängerung: Hersteller wie Hama setzen mittlerweile auf Zubehör für die Generation Selfie

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Natürlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, dass man hin und wieder auf einem Bild zu sehen ist. Schließlich ist es ja auch ein Beweismittel, um später sagen zu können: Guck, ich war wirklich dort. Doch entscheidend dabei ist ein gesundes Verhältnis. Und das scheint heute immer mehr abhanden zu kommen. In 50 Jahren werden die Teenager von heute als Großeltern gemeinsam mit ihren Enkeln auf dem Sofa sitzen und durch digitale Fotoalben mit Bildern blättern, auf denen sie komische Grimassen vor dem Eiffelturm ziehen, einen Kussmund unter dem Brandenburger Tor formen und mit einer lange vergessenen Jugendliebe auf der Karlsbrücke posieren. Schöne Aussichten.

Wenn man dieser Tage über die Karlsbrücke in Prag schlendert, dann begegnen einem tausende Touristen. Sie alle tragen Smartphones bei sich, einige haben kleine Kompakt- oder Systemkameras dabei, nur wenigen hängt noch eine echte Spiegelreflexmodelle um den Hals. Es wird geknipst, als gäbe es kein Morgen. Wer sich zum Brandenburger Tor nach Berlin traut, dem bietet sich ein ähnliches Bild. Nur noch selten muss man derweil damit rechnen, dass man gebeten wird, ein Foto von jemandem zu machen. Dank verlängerter Arme, die von Firmen wie Hama verkauft werden, können Touristen Gruppenselfies jetzt bequem selbst machen. Wen es zum Eiffelturm nach Paris verschlägt, der entdeckt Menschen, die einen Großteil der Zeit mit dem Rücken zur eigentlichen Sehenswürdigkeit stehen und nur darauf achten, dass auf dem kleinen Smartphone-Bildschirm auch ja alles ins Bild passt. Es ist eine seltsame Welt. (Von den Selfies auf Friedhöfen, in Kirchen und an anderen Gedenkstätten will ich gar nicht erst reden.)

Dass Selbstaufnahmen im Trend liegen, haben längst auch die großen Tech-Konzerne erkannt. Vor ein paar Tagen hat Microsoft das Lumia 730 vorgestellt – ein so genanntes Selfie-Phone. Was die Funktionen und Leistungsfähigkeit angeht, unterscheidet sich das Gerät kaum von denen der Konkurrenz. Einzig die vordere Kamera ist besser als üblich. Dank der Auflösung von 5 Megapixeln sollen Selfies damit noch klarer und besser aussehen. Dafür hat Microsoft sogar eigens noch eine App entwickelt, mit der sich nachträglich Haut- und Zahnfarbe sowie die Augengröße anpassen lassen. Mit seinem neuen Smartphone zielt der US-Konzern vor allem auf Kinder und Jugendliche ab. Bei einem Preis von rund 200 Euro könnte das Konzept tatsächlich aufgehen. Sollte das Gerät ein Erfolg werden, wird es vermutlich nicht lange dauern, bis andere Hersteller nachziehen.

Als Selfie-Phone bewirbt Microsoft das neue Lumia 730

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Die Selfie-Option als Feature zu bewerben, dürfte der Verbreitung von Selbstaufnahmen einen zusätzlichen Schub geben. Darum wird es höchste Zeit, dass wir endlich handeln. Wir dürfen nicht länger tatenlos dabei zusehen, wie eine ganze Generation der Selfie-Seuche zum Opfer fällt. Wir müssen sie schützen, denn sie weiß es nicht besser. Wir müssen den Menschen aus dem Zentrum der Fotos zurückdrängen und Platz schaffen für das, was eigentlich zählt. Auch wenn es nicht einfach wird.

Bilder transportieren Botschaften. Das haben sie in der Vergangenheit getan, das werden sie auch in der Zukunft machen. In Zeiten, in denen sich fast jeder ein Smartphone mit Kamera leisten kann, sind sie aber auch ein Abbild unserer Gesellschaft. Sie zeigen, was die Menschen bewegt. Und mehr als 200 Millionen Fotos, die alleine auf Instagram mit #Selfie-Hashtags versehen wurden, sprechen eine eindeutige Sprache: Der Mensch rückt sich selbst ins Zentrum. Was um ihn herum passiert, das verkommt zur Kulisse – selbst wenn es ehemaliges Konzentrationslager ist. Das ist traurig, denn das hat das Foto nicht verdient.