In den USA reißen sich momentan alle Medien um einen Mann. Stewart Butterfield ist sein Name, und er hat eine Plattform gebaut, die die Zusammenarbeit in Unternehmen vereinfachen soll. Was zunächst eher langweilig klingt, scheint einen Nerv getroffen zu haben. Denn das Nutzerwachstum ist beeindruckend.

Wenn sich Star-Investor Marc Andreessen positiv über ein junges Unternehmen äußert, dann sollte man genau hinhören. Der Mann ist schließlich kein Unbekannter. Der 43-Jährige hat Netscape mitgegründet, in Twitter, Skype und Pinterest investiert, und er sitzt im Aufsichtsrat von Facebook, Ebay und Oculus VR. Sollte er also Gefallen an etwas finden, dann lohnt sich ein zweiter Blick.

Im Februar postete Andreessen auf Twitter das Bild von der Nutzerentwicklung bei einer App namens Slack. Er schrieb, dass er noch nie solch ein Wachstum bei einem Programm gesehen habe, das für Unternehmen und nicht für Endverbraucher entwickelt wurde.

Wie es sich für einen Menschen von Andreessens Größenordnung gehört, griffen zahlreiche Online-Magazine den Tweet des 43-Jährigen auf und berichteten erstmals ausführlicher über dieses Slack.

Dann kehrte zunächst wieder Ruhe ein. Bis im August das US-amerikanische Technologie-Magazin Wired ein ausführliches Porträt über Stewart Butterfield veröffentlichte, den Kopf hinter Slack. Einen Tag später zog das Tech-Blog The Verge mit einem Interview nach. Und schließlich folgte auch das Wall Street Journal.

Aber was ist Slack eigentlich? Und wer ist Stewart Butterfield?

Kümmern wir uns zunächst um die zweite Frage. Denn Butterfield ist alles andere als ein Unbekannter im Silicon Valley.

Stewart Butterfield

Stewart Butterfield

Mitte 2002 gründete der Mittvierziger in Vancouver gemeinsam mit Caterina Fake und Jason Classon Ludicorp. Zusammen entwickelte man ein Online-Rollenspiel namens „Game Neverending“, das anders sein sollte als alles, was damals auf dem Markt zu haben war. WIRED schreibt, dass es niemals enden sollte. Dass es keine Gewinner und keine Verlierer gab. Irgendwann stellte sich aber heraus, dass es doch einen Verlierer geben würde. Denn das „Game Neverending“ wurde tatsächlich niemals fertig.

Eines Tages setzte man sich zusammen und überlegte, wie es weitergehen soll. Ein Projekt, das ursprünglich als Feature für das Spiel entwickelt worden war, erschien besonders erfolgsversprechend. Es handelte sich um eine Plattform, auf der Bilder mit anderen ausgetauscht werden können. Also wurden die Ressourcen verlagert, Mitarbeiter mussten gehen, und im April 2004 stellte Butterfield auf eine Konferenz in San Diego dann schließlich Flickr vor.

Flickr läutete gewissermaßen die Web-2.0-Ära ein. Die Foto-Community verhalf dem Hashtag zum Durchbruch, führte eine Timeline ein, wie wir sie von Facebook und Twitter kennen, und einige heute sehr bekannte Fotografen machten auf der Plattform ihre ersten vorsichtigen Schritte.

Nur ein Jahr nach dem Start verkauften Butterfield und seine zwei Mitgründer Flickr für eine zweistellige Millionensumme an Yahoo und schlossen sich dem Unternehmen an. Drei Jahre später – und längst nicht als erster prominenter Abgang – verließ Butterfield den ehemaligen Internet-Pionier, um sich – wie es in seiner Abschiedsmail heißt – verstärkt der Familie zu widmen und zu seinen Wurzeln zurückzukehren.

Es dauerte nicht lange, und Butterfield fand eine neue Beschäftigung. Er verließ San Francisco und zog zurück nach Vancouver, wo er eine neue Firma namens Tiny Speck gründete und mit der Arbeit an Glitch begann. Genau hier wiederholt sich die Geschichte. Denn auch Glitch war ein Spiel, das viele Ähnlichkeiten mit „Game Neverending“ aufwies. Und wie sein Vorgänger war auch Glitch ein Flop. Doch erneut sollte sich etwas, das Butterfield und sein Team eher nebenbei entwickelt hatten, als Rettung erweisen.

Let’s talk about Slack: Slack klingt zunächst einmal langweilig. Man könnte es als (noch) eine Messaging-Plattform bezeichnen. Allerdings wäre das ein bisschen unfair. Slack soll die Zusammenarbeit in großen Unternehmen erleichtern. Mitarbeiter können sich in speziellen Chaträumen austauschen, private Nachrichten versenden und Dateien oder Bilder teilen. Doch das ist noch längst nicht alles.

Slack läuft auf dem Computer im Büro, aber auch auf dem eigenen Smartphone oder Tablet. Es verschickt Push-Nachrichten, wenn etwas Wichtiges passiert, synchronisiert Inhalte über verschiedene Geräte hinweg und verfügt über eine ausgezeichnete Suchfunktion. Was nach hinzukommt: Dienste wie Twitter, Google Drive, Dropbox und selbst Yo lassen sich ohne Probleme integrieren.

Einige der Dienste, die sich integrieren lassen.

Einige der Dienste, die sich integrieren lassen.

Wer also eine Datei mit seinem Team teilen möchte, der muss sie nur zu Dropbox hochladen – Slack übernimmt den Rest und informiert die Kollegen – auf Wunsch per Push-Mitteilung, dass ein neues Dokument verfügbar ist. Das ständige Wechseln zwischen den unterschiedlichen Kollaborationsprogrammen entfällt damit.

Butterfield beschreibt Slack im Interview mit The Verge als „alle Kommunikation an einem Ort, augenblicklich durchsuchbar und sofort verfügbar, wo auch immer man gerade ist“. Man will Informationen zentralisieren und E-Mails, wenn doch nicht überflüssig, dann zumindest weitestgehend unnötig machen.

Seit dem offiziellen Start ist Slack rasant gewachsen. Mehr als 125.000 Personen nutzen die App jeden Tag – bis Ende 2014 soll sich diese Nummer verdoppeln. Wer sich einmal angemeldet hat, der kommt nur schwer wieder los. Fast zehn Stunden sind die Nutzer jeden Tag eingeloggt, schreibt The Verge. Dieses Verhalten führe dazu, dass dort, wo Slack eingesetzt wird, immer weniger E-Mails verschickt werden.

Auch beim Wall Street Journal setzen wir intern auf Slack. Und damit sind wir längst nicht allein. Buzzfeed, Medium und Gawker Media gehören genauso zu den Kunden von Slack wie Expedia, Ebay, Paypal, Airbnb, Adobe, Tumblr und AOL. Beim derzeitigen Stand würde das Unternehmen 3,5 Millionen US-Dollar pro Jahr einnehmen. Denn 93 Prozent der aktiven Teams, die die Software nutzen, bleiben laut Butterfield auch dabei. Mittlerweile ist die Zahl der Arbeitsgruppen auf 30.000 geklettert, mehr als 268.000 Nutzer loggen sich Tag für Tag ein – eine Verdopplung über die vergangenen drei Monate.

Die Zahl der Nutzer wächst aktuell so rasant, dass alle sechs Wochen eine Million Dollar an zusätzlichen Einnahmen hinzukommen. Sieben Dollar und mehr kostet die Bezahlversion von Slack pro Nutzer und Monat. Und hunderte Unternehmen scheinen der Meinung zu sein, dass es ihnen das wert ist.

Preismodelle

Gut 180 Millionen Dollar hat Slack schon an Risikokapital eingesammelt. Die größte Runde wurde Ende Oktober abgeschlossen, als unter Leitung von Kleiner Perkins Caufield & Byers und Google Ventures 120 Millionen Dollar eingesammelt werden konnten. Die Bewertung von Slack liegt damit nur acht Monate nach der Gründung schon bei 1,12 Milliarden Dollar.

Zu den ursprünglichen Investoren von Tiny Speck, also die Firma, aus der Slack später hervorging, gehörte übrigens auch ein gewisser Marc Andreessen. Es ist darum kaum verwunderlich, dass der 43-Jährige in der Vergangenheit so für das Start-up getrommelt hat. Bei dem Nutzerwachstum, das Slack derzeit verzeichnet, dürfte sich Andreessen in Zukunft entspannt zurücklehnen können. Es scheint fast so, als hätte er mal wieder aufs richtige Pferd gesetzt.