Die Huffington Post kommt nach Deutschland. Das können wir gut finden, das können wir schlecht finden. Es ändert nichts an der Tatsache, dass die Huffington Post nach Deutschland kommt. Und dafür sind wir alle ein bisschen mit verantwortlich.

Am 10. Oktober startet in Deutschland die Huffington Post. Was für die einen Ausbeutung par excellence ist, ist für die anderen ein innovativer Modellversuch. Eine moderate Mitte lässt sich nur sehr schwer finden.

Auch ich habe eine eindeutige Meinung. Weil in den vergangenen Wochen aber so viele Stimmung machende Beiträge zum Start der US-Nachrichtenplattform veröffentlicht wurden, will ich an dieser Stelle einen ganz nüchternen und unvoreingenommenen Blick auf den deutschen Ableger der HuffPo werfen.

(Weit ausholend:) Ich bin mit zwei Zeitungen groß geworden. In einer Kleinstadt. Wenn ich das heute Mitgliedern der Generation Facebook erzähle, ernte ich ungläubige Blicke. Zwei Lokalzeitungen? Bei nicht einmal 24.000 Einwohnern? Ja. Genau so war das damals.

Dann irgendwann Ende der 1990er-Jahre hieß es plötzlich, dass sich eines der beiden Blätter den Konkurrenzkampf nicht länger leisten könne. Das war schade, aber es gab ja noch eine Alternative.

Nun wird es vermutlich auch diese Zeitung bald nicht mehr geben. Die Auflage ist in den vergangenen zwei Jahren um fünf Prozent gefallen. Und weil man auch das Internet erst in diesem Jahr so richtig für sich entdeckt hat, komme ich beinahe in Versuchung, das Wort „vermutlich“ aus dem vorherigen Satz zu streichen.

Wir sprechen hier von einem betriebswirtschaftlichen Vorgang. Eine Zeitung, die viele Jahre Gewinne erwirtschaftet hat, verliert so viele Abonnenten, dass die Erlöse durch den Verkauf von Anzeigen im Blatt nicht mehr ausreichen, um profitabel zu bleiben (oder anders herum). Der oder die Eigentümer stehen dann vor einer schwierigen Entscheidung: Zeitung schließen, oder alles verkaufen. Was auch passiert, es wird wenig populär sein. Denn Verluste gibt es immer.

Die kleine Zeitung in meiner Heimatstadt entschied sich damals für die Schließung. Die Abonnenten-Daten wurden verkauft, wer bisher Zeitung A bezogen hatte, erhielt nun Zeitung B. Eine Alternative gab es schließlich nicht.

Nun stellen wir uns Deutschland einmal als diese Kleinstadt vor, in der ich aufgewachsen bin. Als provinzielles Kaff, in dem es mit F.A.Z., Süddeutsche Zeitung, BILD, Die Welt, taz und Frankfurter Rundschau sechs Lokalblätter gibt, die täglich erscheinen. Hinzu kommen noch etwa ein halbes Dutzend Nachrichtenmagazine und Wochenzeitungen, macht unterm Strich zwölf Publikationen, aus denen die Bewohner wählen können. Das Angebot ist also vergleichsweise groß. Und dabei habe ich all die Anzeigenblätter, Special-Interest-Magazine und tatsächlichen Regionalzeitungen noch gar nicht mit eingeschlossen.

Es gibt also zwölf Medien, die täglich darüber berichten, was in der Kleinstadt namens Deutschland und darüber hinaus passiert. Sie schicken ihre Redakteure zur Pressekonferenz des Kaninchenzüchtervereins ins Bundeskanzleramt, sie berichten, wenn der oberste Verkehrspolizist eine neue Autobahn eröffnet, sie entsenden ihre Fotografen auf den Bolzplatz, wo sich in einem Kreisklassespiel gerade der FC Bayern München und Borussia Dortmund gegenüberstehen. Deutschland ist ein Dorf – und zwölf Medien berichten darüber.

Den Lesern ist egal, von wem sie ihre Informationen bekommen. Hauptsache, sie bekommen sie. Nachrichten sind Massenware. Und was im Übermaß produziert wird, muss billig angeboten werden. Hier geht es um Angebot und Nachfrage – neu ist das nicht.

Exklusivität ist dabei ein flüchtiger Luxus. Wer eine Meldung zuerst verbreitet, kann sich kurzfristig über seinen Scoop freuen. Doch weil die Konkurrenz natürlich mitliest, dauert es nicht lange, bis die Geschichte von den anderen Medien nacherzählt wird. Schnell rückt in den Hintergrund, wer ursprünglich dafür verantwortlich war. Nun geht es vor allem darum, die Informationen gut zu vermitteln und gleichzeitig mögliche Reichweitenvorteile auszuspielen.

Über kurz oder lang werden dabei von den genannten zwölf Medien in der imaginären Kleinstadt erst zehn, dann neun und irgendwann noch weniger übrigbleiben. Das ist keine Vermutung, das ist bittere Realität. Wohin also muss die Reise gehen?

Klar ist: Mittelfristig werden nur die Großen überleben. Die Großen und die Kleinen, denen es gelingt, eine Nische zu finden und sie zu verteidigen. Vor diesem Hintergrund darf es nicht verwundern, dass die Huffington Post expandiert.

Ich arbeite selbst bei einem Unternehmen, das seit ein paar Jahren einen ähnlichen Weg geht. Das Wall Street Journal gehört in den USA zu den größeren Blättern. Die Marke ist bekannt. Das ist einer der Gründe, warum sich die Verantwortlichen vor ein paar Jahren für eine interessante Strategie entschieden. Statt das zu verteidigen, was bereits da ist, ging man einen anderen Weg: ins Ausland. Es wurde Geld in die Hand genommen zu einem Zeitpunkt, da der Zenit des Zeitungsgeschäfts längst überschritten war. Deutschland, die Türkei und Asien – überall wurden Ableger mit eigenen Redaktionen gestartet – ausschließlich online wohlgemerkt.

Die Huffington Post verfährt aktuell nach einem ähnlichen Schema. Warum auch nicht? Was hat sie groß zu verlieren? Es wundert mich viel mehr, dass wir in Deutschland noch nicht längst auf die Idee gekommen sind, eine vergleichbare Strategie anzuwenden und unsere Nachrichten und unser technisches Know-how zu exportieren, bzw. damit zu expandieren.

Gerade in den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass eine Nachfrage besteht. Ich kenne zwar keine genauen Zahlen, aber die Geschichten des Spiegel, die sich mit Edward Snowden und den Enthüllungen rund um die Abhöraktionen der US-amerikanischen und britischen Geheimdienste und darüber hinaus befassten, wurden im Ausland nicht nur zur Kenntnis genommen. Sie wurden aufgrund der Übersetzungsleistung im Hamburger Büro auch häufig zitiert. Denn auch wenn es in Deutschland kaum jemand mitbekommt: Spiegel Online ist längst kein rein deutsches Nachrichtenportal mehr.

Es würde mich darum kaum wundern, wenn nicht in irgendeiner Schublade in Hamburg ein fertiges Konzept für eine internationale Expansion von Spiegel Online liegt. Das Netzwerk ist da, der Name steht für Qualität und ein paar Texte zu übersetzen – das sollte wohl das kleinste Problem sein. Aber geben wir dem neuen Chefredakteur Wolfgang Büchner einfach mal ein paar Tage Zeit.

Bis dahin können wir alle beim Start der deutschen Huffington Post zusehen. Wir können lernen, wie ein Modell exportiert und wie Hype erzeugt wird. Denn ganz egal, ob @HuffPostDE nun ein Erfolg wird. Ganz egal auch, ob das zugrunde liegende Modell nicht jedem gefällt. Sicher ist: Wieder einmal wagt sich ein US-Angebot auf den deutschen Medienmarkt, der als einer der schwierigsten überhaupt gilt.

Und wir? Wir gucken zu, kritisieren und regen uns über die Ausbeuterei auf. Statt es besser zu machen. Und darum sind wir alle ein bisschen selbst schuld daran, dass die Huffington Post nach Deutschland kommt.