Ein Mann liegt am Boden, jemand tritt mit Gewalt auf ihn ein. Ein anderer bekommt einen Stuhl über den Kopf geschlagen, er stürzt rückwärts die Treppe hinunter. Ein Vater hält im Stadion schützend seinen Sohn im Arm. Während der Mob sich gewaltsam seinen Weg sucht.

Es waren schlimme Szenen, die aus Marseille am Samstag um die Welt gingen. Und auch wenn wir es nicht mit absoluter Gewissheit sagen können, so dürfte Twitter dabei doch eine tragende Rolle gespielt haben.

Den ganzen Tag über hatten „Journalisten“ (die Anführungszeichen werden gleich erklärt) über das Netzwerk Falschmeldungen verbreitet, die zum Teil tausendfach auf der Plattform geteilt und auch von echten Journalisten für bare Münze genommen wurden.

  • Ein englischer Fußballfan soll von Russland-Anhängern vor einen Zug geschupst worden sein. Er habe es nicht überlebt.
  • Anhänger Englands und Russlands hätten sich zusammengetan, um auf französisch-arabische Mitmenschen loszugehen.
  • Die UEFA habe kurzfristig ein Statement angekündigt.
  • Die UEFA habe die Europameisterschaft aufgrund der eskalierten Gewalt abgesagt.

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Hinter all diesen Meldungen stecken „Journalisten“ von „ForestEchoNews“.

Doch wer ist das eigentlich?

Auf dem Twitter-Profil heißt es: „The Official Forest Echo page. Bringing you reliable football news from our finest journalists. UK based.“ Dazu wurde Manchester als Ort angegeben, seit September 2015 existiert der Account. Auf der zugehörigen Website forestechonews.weebly.com finden sich Fotos von angeblichen Mitarbeitern, sowie eine kurze Beschreibung:

We’re a group of independent and highly reputed journalists based all around the world covering news and stories from the world of football. We’re funded by the Metropolis Arab Group (MAG) who have invested heavily to break news, transfers and other stories.

We’ve got a plethora of journalists who have worked for reputed newspapers and agencies in the past.

Das Problem: Alles Fake

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Es gibt kein „ForestEchoNews“. Es gibt keine Journalisten, die für solch eine Organisation arbeiten. Und auch die Vorfälle, die über die diversen damit assoziierten Twitter-Accounts verbreitet wurden, sind so nicht passiert.

Und trotzdem wurden sie geteilt. Und vielleicht haben sie sogar dafür gesorgt, dass noch mehr Öl ins Feuer gegossen wurde. Denn es ist durchaus denkbar, dass einige der Idioten, die am Samstag und in der Nacht zu Sonntag in Marseille für Tumulte sorgten, sie für bare Münze genommen haben. So ist das heute.

Twitter dient in Frankreich und Großbritannien noch viel mehr als beispielsweise in Deutschland als Kommunikationsmittel. Hier holen sich die Menschen ihre Nachrichten, hier informieren sie sich, hier tauschen sie sich aus. Und hier organisieren sie sich auch. Ein Gerücht – ein Tweet von einem angeblichen Journalisten – kann schnell auf die Straße getragen werden und die Meute noch zusätzlich anheizen. Was tausendfach geteilt wurde, wird so zur Wahrheit.

Wer hinter den perfiden Accounts steckt? Das werden wir vermutlich nie erfahren. Immerhin: Am Sonntag waren zahlreiche „ForestEchoNews“-Accounts nicht mehr erreichbar.

Was dort zuvor verbreitet wurde, kann dank Google Cache jedoch weiterhin abgerufen werden. (Google Cache von Simon Rowntree und Jason Lynch)