Warum viele Türken plötzlich ihre Telekom-Verträge kündigen wollen

Die Social-Media-Abteilung der Telekom hatte in den vergangenen Tagen einiges zu tun. In den sozialen Netzwerken machten Bilder die Runde, die einen digitalen Schaukasten in Düsseldorf zeigen. Diese interaktive Leuchtreklame findet sich immer häufiger in Einkaufszentren und U-Bahn-Stationen. Sie kann mit Werbung – aber auch mit redaktionellen Inhalten bespielt werden.

Der besagte Schaukasten in Düsseldorf präsentierte das Ergebnis einer Umfrage. In den Magenta-Farben der Telekom und mit dem bekannten T-Logo stand dort „T-Online Trend: Würden Sie noch Urlaub in der Türkei machen? Über 100.000 Nutzer von t-online.de sagen: Nein“.

Wer die Umfrage entdeckt und das Foto gemacht hat? Nebensächlich. Verbreitet wurde es jedoch unter anderem von Bilgili Üretmen. Am Montag schrieb der türkische Blogger auf Facebook: „T-online in Düsseldorf mit dem letzten Versuch der Türkei wirtschaftlich zu schaden. Wir dürfen uns das alles nicht mehr gefallen lassen ! #Boykott“ Sein Beitrag wurde über 1200 Mal geteilt und tausendfach kommentiert.

Auch der bekannte deutsche Erdogan-Fanboy Martin L. postete das Bild auf Facebook und Twitter. Allerdings zählt das nicht wirklich. Denn L. springt schneller über jedes Türkei-Stöckchen, als der Weltrekordhalter im Hürdenlauf.

„Nein zu Propaganda!“ – „Keine Hetze“

„Nein zu Propaganda!“ „Keine Hetze“ „Ich kündige meinen Telekom-Vertrag“ – das Foto wurde tausendfach auf Facebook und Twitter geteilt, immer mit ähnlichen Aussagen. Für die Telekom ein echtes Problem, das jedoch nur in Teilen hausgemacht ist.

Der Bonner Mobilfunkkonzern hat nämlich vor zwei Jahren das „t-online.de“-Newsportal samt Marke und Nutzungsrecht des bekannten T-Logos an Ströer verkauft, einer der größten Vermarkter für Außen- und Onlinewerbung in Deutschland. Ströer hatte dann zwar schnell angekündigt, die Plattform ausbauen zu wollen. Doch bis auf die Schließung der Redaktion in Darmstadt und den Umzug nach Berlin blieb es zunächst recht still. Mittlerweile gibt es mit dem früheren Spiegel-Online-Chef Florian Harms einen erfahrenen Journalisten an der Spitze. Und gerade erst wurde bekannt, dass Jan Hollitzer von der Berliner Morgenpost zu t-online.de wechselt. Weitere Zugänge sind zu erwarten.

In den sozialen Netzwerken hat t-online.de bisher kaum eine Rolle gespielt. Ein Hauptteil des Traffics kommt über Google – und Bestandskunden mit alten T-Online-E-Mail-Adressen rufen diese auch heute noch über www.t-online.de ab.

Wer also nicht weiß, dass T-Online und Telekom nicht mehr zusammengehören, der wendet sich bei der Suche nach einem Sündenbock auf Twitter und Facebook ganz selbstverständlich an die Telekom-Accounts, die dort sehr erfolgreich und aktiv sind. Und natürlich hat die Telekom auch reagiert.

„T-Online.de-Seite wurde von Ströer gekauft“

Am Montag versuchte man es zunächst auf Twitter mit Klarstellungen: „Die t-online.de Seite wurde von der Firma Stroer aufgekauft http://bit.ly/2vTcwpl Wir haben nichts mit diesem Inhalt zu tun, Stroer reagiert bereits darauf. ^mf“ gab es als Antwort auf die diversen Boykott-Aufrufe. Und tatsächlich hatte Ströer bereits reagiert. Schon kurz nach dem Tweet von Bilgili Üretmen schrieb „t-online.de TopNews“ (ja, so heißt tatsächlich der offizielle Account von T-Online mit 1.700 Followern): „Das ist das Ergebnis einer nicht-repräsentativen Umfrage unter t-online.de Lesern. Wir ziehen sie aber auf diesen Flächen zurück.“

Das hat die Sache jedoch nicht wirklich besser gemacht. Denn nun fühlten sich viele Türken in ihrer Meinung bestätigt, dass an der Umfrage und der Verbindung Telekom/T-Online irgendetwas faul sein muss.

Und alle anderen warfen T-Online vor, „vor Erdogans Schergen gekuscht zu haben“.

Mittlerweile hat sich die Diskussion auf Facebook verlagert. Auch dort hat die Telekom Stellung genommen.

Und der Mann, der die ganze Diskussion losgetreten und der Telekom mutmaßlich einige Kündigungen eingebracht hat, feiert seinen Sieg. Einen Sieg, bei dem es eigentlich keine Gewinner gibt. Viele Türken fühlen sich und ihre Heimat angegriffen. Die Telekom muss Aufklärungsarbeit in fremder Sache betreiben. Und Ströer hätte sich seinen Start in Berlin vermutlich auch schöner vorgestellt.

← Vorheriger Beitrag

7 Kommentare

  1. Türken fordern demokratische Werte wenn man ihre neue Diktatur kritisiert… lol

  2. Leider tragen solche nicht-repräsentative Umfragen (vor allem, wenn dann noch als Werbung verbreitet) nur zur Verschärfung von Konflikten bei. Auch wenn die Reaktionen der Kunden nicht klug ist – Ströer war dümmer.
    Und die Telekom ist selbst Schuld – sonst immer penibelst auf saubere Marken-Kommunikation bedacht, und dann wird eine kommunikative Kernmarke einfach verkauft.
    Den Schaden haben alle: Eine perfekte Lose-Lose-Situation..

  3. Michael

    Jede Reaktion löst eine Gegenreaktion aus. Das gilt insbesondere für solche Kampagnen. Interessant wäre es zu wissen wie viele Leute ihren Türkeiurlaub wegen der Reaktion von solchen Hobbytürken wie diesem „der Mann, der die ganze Diskussion losgetreten hat“ storniert haben.

  4. Die Telekomiker sind selber schuld. Dereinst haben sie jeden verklagt, der irgendwas in Magenta an die Öffentlichkeit brachte (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/a-265103.html), und dann verkaufen sie die Nutzungsrechte an ihrem eigenen Logo an einen Werbeflächenverkäufer.

  5. Statistiker

    Lieber Dave,

    Menschenrechte haben mit Staatenrechten nichts zu tun. Lernen Sie dieses, ansonsten werden Sie für immer dumm bleiben, und das waäre schade……

  6. warum wurde die Werbung ausgerechnet dann gemacht wo Sigmar Gabi der Türkei mit Urlaubern gedroht hat… unfassbar was man nicht alles macht um gegen die Türkei zu hetzen… warum nicht Frankreich Spanien Italien oder Griechenland alles Urlaubsländer der Deutschen… die Politik ist angespannt da kommt so ein blödi und macht die Werbung… übrigens habe auch gekündigt wird auch so bleiben

    • Gegen die Türkei muss man nicht hetzen. Einfach nur zu sagen, was abgeht, ist negativ genug.
      Ich habe auch noch nicht gehört, dass in Frankreich etc. Journalisten, Gewerkschafter, aufrechte Staatsanwälte oder Abgeordnete der Opposition willkürlich verhaftet werden.

Kommentar verfassen