Der Social-Media-Redakteur von heute ist eine eierlegende Wollmilchsau. Er ist Blattmacher, Community-Editor, CvD, Grafiker, Bildredakteur, Fotograf und Autor in einer Person. In Zeiten, in denen die Homepage an Bedeutung verliert, wird er immer wichtiger.

Im Innovations Report der New York Times hieß es vor einigen Wochen, dass die Homepage tot sei. Die Zahl der Besucher auf der NYTimes-Startseite habe sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert, war in dem internen Dokument zu lesen. Daraufhin wurden zahlreiche Artikel verfasst, die diese Aussage entweder unterstützten oder zu widerlegen versuchten.

Ich glaube, dass die Autoren des Reports mit ihrem Kommentar einen wichtigen Punkt angesprochen haben. Die Zahl der Nachrichtenseiten, deren URL ich täglich in die Adressleiste meines Browsers eingebe, kann ich an einer Hand abzählen. Die Zahl der Websites, auf denen ich jeden Tag Informationen konsumiere, dürfte hingegen dreistellig sein. Und damit bin ich vermutlich nicht alleine.

Ein kleiner Test.

Kann sich tatsächlich jemand erinnern, wann er zuletzt Boredpanda.com oder Buzzfeed.com in die Adressleiste seines Internetbrowsers getippt hat? Wahrscheinlich nicht. Und doch kennt jeder die 40 eindrucksvollsten Anzeigen zu sozialen Problemen und das Quiz In welcher Stadt sollte ich eigentlich wohnen. Wie sieht es mit Guardian.co.uk oder Handelsblatt.com aus? Wirklich anders? Trotzdem lesen wir täglich Artikel dieser Seiten – sozialen Netzwerken sei Dank.

Das World Wide Web hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Nur zögerlich waren in den 1990er-Jahren erste Verlage mit einer eigenen Webpräsenz aufgetaucht. Das Angebot war überschaubar, wer auf der Suche nach Nachrichten im Netz war, dem boten sich nur wenige Alternativen. Spiegel Online und Times 1994, die Süddeutsche Zeitung 1995, das Wall Street Journal 1996, der Guardian 1999 und die FAZ 2001: es dauerte Jahre, bis die großen Nachrichtenorgane ihre Online-Auftritte aufbauten, ausbauten und die Reichweite bis dahin steigerten, wo sie heute steht.

Lange waren die Homepages der Verlage – also Startseiten wie www.spiegel.de oder www.sz.de – Anlaufstelle Nummer eins, wenn es darum ging, an Informationen zu kommen. Das ist heute längst nicht mehr der Fall. Immer mehr Internet-Nutzer holen sich ihre Nachrichten über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co.

Laut Pew Research informieren sich 30 Prozent der US-amerikanischen Facebook-Nutzer über das, was in der Welt passiert, innerhalb der sozialen Netzwerke. Bei Youtube sind es zehn Prozent, bei Twitter acht Prozent. Tendenz steigend. Je nach Medium landen heute bereits zwischen 5 und 25 Prozent der Besucher über Facebook, Twitter, Linkedin und Co. auf den Angeboten der Nachrichtenanbieter. Auch hier: Tendenz steigend. Wirft man einen Blick auf Seiten wie Buzzfeed oder Heftig.co, deren Fokus vor allem auf der viralen Verbreitung von Inhalten liegt, dann sind 50 Prozent und mehr längst keine Seltenheit mehr.

Was können wir daraus lernen? Wir lernen, dass der Job des Social-Media-Redakteurs immer wichtiger wird, und dass es falsch wäre, auf diese Position in einem Verlag zu verzichten bzw. ihr nicht die notwendigen Freiheiten einzuräumen.

Social-Media-Redakteure haben immer alles im Blick. Sie werfen ein Auge auf Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. und beobachten gleichzeitig die Themen, die über Nachrichtenagenturen verbreitet werden. So können sie schnell reagieren und wichtige Informationen möglichst ohne große Verzögerungen an Leser und Kollegen weitergeben.

Ein Beispiel.

Vor ein paar Tagen zog eine Unwetterfront durch Deutschland. Zuerst richtete sie großen Schaden in und um Düsseldorf herum an. Anschließend wurden auch Kassel und Göttingen in Mitleidenschaft gezogen. Am Abend des 10. Juni postete die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA) auf ihrer Facebook-Seite diesen Beitrag:

Post by HNA.

Die verantwortliche Redakteurin saß an diesem Abend im Büro und machte mit ihrem Handy eine Aufnahme des nahenden Gewitters, die sie anschließend auf Facebook teilte. Es war einerseits Informationsweitergabe (das Unwetter kommt) und andererseits auch ein Aufruf an die Leser, ihre eigenen Erfahrungen und Bilder zu teilen. Das ließen sich diese nicht zweimal sagen: 543 Kommentare sind auch für eine Lokalzeitung wie die HNA, die online sehr erfolgreich unterwegs ist, eine seltene Ausnahme.

Nun werden natürlich wieder einige sagen, dass dadurch ja keine Klickzahlen auf HNA.de generiert wurden, weil kein Artikel verlinkt wurde. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn wenn man einen Blick auf den folgenden Beitrag wirft, so wird deutlich, wie wichtig es ist, die Leser einzubinden.

Post by HNA.

668 Mal wurde dieser Text bei Facebook geteilt. Das mag nicht rekordverdächtig sein. Doch für eine Lokalzeitung ist diese Zahl nicht schlecht. Ein Grund ist, dass man lesergenerierte Inhalte übernommen und aus den Fotos eine Bildergalerie gemacht hat. Davon profitiert nicht nur die Redaktion, die nicht extra in jedes Dorf fahren muss, um Bilder zu machen, davon profitieren auch die Leser, die sich darüber freuen können, es einmal auf HNA.de geschafft zu haben.

Ein Social-Media-Redakteur ist also immer auch Online-Redakteur. Er sollte in der Lage sein, Texte und Bildergalerien erstellen und sie anschließend auch veröffentlichen zu können. Darum muss er neben seinen eigenen Apps und Programmen auch die verschiedenen Publikationsmittel der Online-Redaktion beherrschen.

Ein Social-Media-Redakteur muss im Haus gut vernetzt sein. Er darf und sollte Bildaufträge erteilen können, denn wie sich gezeigt hat, werden Beiträge mit Fotos häufiger geteilt als solche, die ohne auskommen. Ähnliches gilt für Grafiken. Wenn in einem Artikel nicht sowieso schon eine Infografik enthalten ist, sollte er die Befugnis haben, eine solche in Auftrag geben zu können – wenn er sie nicht sogar selbst erstellen kann. Auch dafür gibt es heute genügend Tools. Grafiken können einen komplexen Sachverhalt anschaulich wiedergeben und sind eine hervorragende Ergänzung für kurze Tweets und Statusmeldungen.

Ein Social-Media-Redakteur knüpft ständig neue Kontakte. Er sollte nicht nur über Ansprechpartner bei den großen sozialen Netzwerken verfügen, er sollte auch wissen, wer die relevanten Personen für bestimmte Themen im Netz sind. Multiplikatoren mit zehntausenden oder hunderttausenden Fans und Followern eignen sich hervorragend, um Artikel einer größeren Leserschaft zu präsentieren. Wer ein Interview mit Peter Altmaier nicht automatisch mit @peteraltmaier verbreitet, hat seinen Job nicht verstanden. 64.000 potenzielle Leser werden durch einen Retweet des Chefs des Bundeskanzleramts erreicht, bei Facebook kommen noch ein paar tausend hinzu.

Ein Social-Media-Redakteur gibt nicht nur Inhalte nach draußen weiter, er ist auch Sprachrohr der Leser in der eigenen Redaktion. Ist ein Artikel fehlerhaft oder gibt es Probleme mit der Seite, dann wird dies häufig zuerst über die sozialen Netzwerke kommuniziert. Hier ist der Redakteur angehalten, Informationen weiterzugeben und darauf in angemessener Weise zu reagieren.

Ein Social-Media-Redakteur lernt ständig dazu. Gefühlt wird jeden Tag ein neues soziales Netzwerk gestartet. Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, MeinVZ, Pinterest… – niemand kann vorher absehen, ob sich ein Angebot tatsächlich durchsetzen wird. Einfach die Augen zu schließen und es auszusitzen, wäre falsch. Außerdem haben das einige Verlage schon beim Internet versucht. Die Folgen sehen wir heute. Stattdessen muss immer wieder getestet und ausprobiert werden. Das gilt auch für Analyseprogramme und Planungstools, die ständig neu vorgestellt werden.

Hinzu kommt, dass die sozialen Netzwerke nicht stillstehen. Sie schrauben ständig an ihren Algorithmen, sie führen regelmäßig Neuerungen ein und sie sorgen damit dafür, dass es im Alltag eines Social-Media-Redakteurs nie langweilig wird.

Ein Social-Media-Redakteur gibt sein Wissen weiter. Er ist Teil einer großen Redaktion und mit dafür verantwortlich, dass die Reporter und Redakteure im Haus ihre eigenen Accounts pflegen. Er schult, hilft, und hat immer ein offenes Ohr für die Fragen der Kollegen. Denn noch längst ist nicht jedes Redaktionsmitglied im Web 2.0 angekommen. Aufklärungsarbeit ist darum ein wichtiges Aufgabenfeld jedes Social-Media-Redakteurs.

Ein Social-Media-Redakteur sollte bei allen wichtigen Konferenzen im Haus dabei sein. So kann er planen, welche Themen den Tag über gesetzt werden und weiß, wann welche Artikel (im Blatt oder online) erscheinen. Denn das ist für seine Arbeit von zentraler Bedeutung.

Ein Social-Media-Redakteur weiß, welche Texte besonders gut geteilt werden und hat Einfluss darauf, wann sie veröffentlicht werden. So kann er sicherstellen, dass ein exklusiver Text nicht genau dann veröffentlicht wird, wenn sich die Leser beim Mittagessen oder auf dem Nachhauseweg befinden.

Ein Social-Media-Redakteur sollte immer auch Themen anregen können. Er erfährt häufig als erstes, wenn online über ein bestimmtes Ereignis diskutiert wird und weiß, was die Netzgemeinde umtreibt.

Ein Social-Media-Redakteur arbeitet 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Zumindest im Idealfall. Denn die Welt steht nicht still. Und tatsächlich gibt es einige Redaktionen, die mit Schichtarbeit bereits dicht an dieses Modell herankommen.

Ein Social-Media-Redakteur ist der Blattmacher des Internet-Zeitalters. Er muss Geschichten bewerten, sie aufbereiten und ihnen den passenden Platz einräumen. Er entscheidet, wie und ob über ein Thema diskutiert wird. Er ist Bindeglied zwischen Redaktion und Leser. Er setzt Themen, er hat alles im Blick.

Und da behaupte noch jemand, Online-Journalismus sei langweilig.