Das Jahr 2018 ist vorbei. Nicht wenige sagen: Das ist auch gut so. Doch die Frage ist: Wird 2019 wirklich besser? Viele Probleme, die uns in den vergangenen zwölf Monaten begleitet haben, sind noch lange nicht vom Tisch. Fake News, Datenskandale, Hass und Hetze: 2019 muss liefern, wo 2018 versagt hat. Hohe Erwartungen.

Nach 2016, 2017 und 2018 freue ich mich sehr, auch in diesem Jahr wieder alte und neue Gesichter im großen Social-Media-Ausblick 2019 begrüßen zu können. Und wie immer gibt’s gleich zu Beginn ein tl;dr. Wir haben ja alle keine Zeit.

WAS ERWARTET UNS 2019 IM BEREICH DER SOZIALEN MEDIEN?

  • „Dark Social“ wird das dominierende Thema im Jahr 2019
  • Die großen Plattformen werden sich auch weiterhin damit schwertun, gegen Hass, Hetze und Gewalt vorzugehen
  • Wir werden 2019 den weiteren Verfall des Newsfeeds erleben
  • Instagram wird das neue Facebook
  • Journalisten müssen an die eigene Arbeit höhere inhaltliche Ansprüche stellen – auch und gerade im Bereich Social Media
  • 2019 wird das Jahr, in dem Facebook für die Skandale des letzten Jahres büßen muss
  • TikTok, Linkedin und Pinterest gewinnen weiter an Bedeutung
  • Medien müssen sich radikal neu erfinden und in Produkt, Technologie und Marketing investieren – vor allem aber in ihre Mitarbeiter

Anita Zielina – Medienmanagerin und Professorin

Man muss sich gar nicht zu wilden „Zukunftsprognosen“ hinreißen lassen. Es reicht aus, die bestehenden Entwicklungen in der (digitalen) Medienindustrie weiterzudenken: 2019 wird, wie schon 2018, kein einfaches Jahr für die Branche. Erlöse erodieren, der Werbemarkt wird nicht mehr von den Medien dominiert, User verändern ihre Nutzungsgewohnheiten, die Bezahlbereitschaft für digitale Angebote steigt zwar, aber (zu) langsam, das Vertrauen in journalistische Institutionen sinkt in vielen Ländern. Kurzum: Medien müssen sich radikal neu erfinden und in Produkt, Technologie und Marketing investieren – vor allem aber in ihre Mitarbeiter. Sie müssen stringente Strategien entwickeln und mit langem Atem exekutieren – und dabei den Kunden und seine Bedürfnisse in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen. Darin sind einige wenige schon sehr gut, viele aber noch am Anfang. 

Was haben Facebook, Instagram, Google, Amazon, Twitter und Co. mit diesen Herausforderungen zu tun?

  1. Als „Intermediaries“, also Mittelsmänner, greifen sie massiv in die Wertschöpfungskette ein und dezimieren so die Margen der Verlage. Sie sind innovativer und anpassungsfähiger, ihre Produkte sind angenehmer zu nutzen, sie skalieren besser, sie bieten mehr für weniger (oder kein) Geld. Dass die Verlage darüber nicht glücklich sind, ist verständlich. Dass sie darauf mit inadäquaten Versuchen des Protektionismus reagieren und entsprechende Gesetze lobbyieren, wie etwa ein Leistungsschutzrecht, ist ein sinn- und aussichtsloser Abwehrkampf.
  2. 2018 hat sich gezeigt (und wird sich 2019 weiter zeigen): Wer sein Geschäftsmodell komplett auf Reichweite aufbaut, der muss der größte Spieler im Markt sein, um eine Chance auf Erfolg zu haben. Selbst die reichweitenstarken Portale wie Buzzfeed und Co. haben im vergangenen Jahr Federn gelassen: Zu abhängig haben sie sich von Finanzierung und Algorithmen der großen Digitalplattformen gemacht. 
  3. Das bedeutet auch: Gewinnen werden die Verlage, die eine klare Strategie haben und diese konsequent verfolgen. Das heißt vor allem auch „Nein“ zu vielen Verlockungen zu sagen, die die Forscherin Julie Posetti als „Shiny new things“ bezeichnet. Die Frage, ob man bei Snapchat wirklich dabei sein, eine Blockchain-Anwendung unbedingt bauen oder eine VR-App entwickeln muss, lässt sich eben nie generell beantworten, sondern nur im Lichte der eigenen Marke und Strategie.
  4. Wer Produkte anbietet, die kein Kundenbedürfnis erfüllen, hat keine Chance auf relevante Einnahmen am Lesermarkt. Die schmerzliche, aber wichtige Erkenntnis, dass eine simple Paywall vor denselben, oft nicht bezahlwürdigen Onlineinhalten alleine nicht ausreicht, um digital Geld zu verdienen, hat sich hoffentlich endlich herumgesprochen. Im Idealfall können Verlage das nutzen, um ihr journalistisches Angebot mittels professionellem Produktmanagement und innovativer Produktentwicklung gemeinsam mit den Lesern zu verbessern und an manchen Stellen neu zu erfinden.
  5. Das bedeutet: Medienhäuser brauchen neue Rollen und Kenntnisse in Marketing, Produkt, Design, Storytelling, Business Development und Innovationsmanagement. Die entsprechenden Mitarbeiter müssen gefunden, ausgebildet, gehalten und mit der notwendigen Macht (Budgets, Teams, Führungsaufgaben) ausgestattet werden. Redaktionen alleine können die Transformationsaufgabe nicht meistern.

Dirk von Gehlen – Journalist und Autor

Social Media wird dunkel!

Es klingt absurd, einen Trend für das Jahr 2019 mit einem Begriff zu begründen, der erstmals 2012 auftauchte. Und doch leiht sich meine Prognose für das kommende Jahr das Schlagwort, das Alexis C. Madrigal vor sieben Jahren eingeführt hat: „Dark Social“ wird das dominierende Thema im Jahr 2019. Denn in Wahrheit war diese dunkle Form von Social Media schon 2018 weltweit ein bestimmendes Thema – nur sieht man das vielleicht nicht immer sofort. 

Denn Dark Social nennt man so, weil es um die nicht öffentliche Form von geteilten Inhalten geht: Beiträge und Links, die in geschlossenen Chat-Gruppen, per Mail oder Messenger verbreitet werden, haben eine enorm viel größere Wirkung als die öffentlich geteilten Inhalte, die auf Facebook oder Twitter sichtbar sind. Vom Aufkommen der Gelbwesten in Frankreich über Gewaltausbrüche in Indien bis zum Wahlsieg Bolsonaros in Brasilien – stets spielten öffentlich nicht einsehbare Chatgruppen eine große Rolle. 

Ein zentraler Grund dafür liegt in der Glaubwürdigkeit der Absender: Wer in einer Chatgruppe enger Freunde eine auf schnelle Verbreitung angelegte memetische Meldung erhält, vertraut der Information einfach mehr, als wenn er diese auf irgendeiner Website liest. Die Freundin oder der Freund wird zum Verifikator der Meldung – auch wenn ihr oder ihm das vielleicht gar nicht bewusst ist. 

Deshalb ist meine Hoffnung für das Jahr 2019, dass uns mehr noch als bisher die Bedeutung von Dark Social bewusst wird – und wir als Gesellschaft eine Haltung dazu entwickeln. Denn ich teile das im Kern hoffnungsvolle Fazit, das der New-York-Times-Techkolumnist Farhad Manjoo unlängst in seiner vorerst letzten Kolumne gezogen hat: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“ Auch dann, wenn sie vielleicht öffentlich nicht sichtbar sind.

Anna Aridzanjan – Head of Entertainment

Um die Zukunft vorherzusehen, müssen wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, heißt es. Für viele Aspekte des Lebens mag das Quatsch sein, doch ich glaube, dass diese Weisheit für Social Media stimmt – zumindest zum Teil. Blicken wir zurück auf das Jahr 2018, sehen wir vor allem eines: Verunsicherung. 

  • Facebook „glänzte“ durch Skandale
  • Deutlich mehr Menschen zogen sich aus den „öffentlichen“ sozialen Netzwerken ins vermeintlich Private zurück (worauf Apps wie Instagram ihrerseits reagierten, indem sie mehr Möglichkeiten des privaten Teilens anboten). 
  • Gruppen und Messenger wurden beliebter als der große Newsfeed. 
  • Neue (naja, einigermaßen neue) Apps wie TikTok erlebten einen großen Hype, doch auch dort wucherten (wie mittlerweile fast überall auf Social) Hass, Mobbing Belästigung, Drohungen, Gewalt
  • Fake News und Desinformation waren ein riesiges Thema – und Radikalisierung und Hetze fielen offenbar nie so leicht wie jetzt.

Was sagt also die Glaskugel für das Jahr 2019? Das Jahr wird ganz ähnlich aussehen wie 2018. Aber hierauf können wir uns einstellen:

  • Das Bedürfnis nach Rückzug ins vermeintlich Private (Regionale, Lokale) wird noch stärker werden – nicht nur, um als Privatperson Ruhe zu haben und persönliche Dinge nur mit ausgewählten Personen teilen zu können. Auch zur politischen Mobilisierung werden Gruppen, geheime Chats und verschlossene Foren genutzt werden. Das kann einerseits für die Demokratie und die politische Teilhabe und Information eine große Chance bedeuten, es kann aber auch gefährlich werden, da radikale Kräfte so unbeobachtet agieren und gleichzeitig massive Reichweite nutzen können.
  • Die großen Plattformen werden sich auch weiterhin damit schwertun, gegen Hass, Hetze und Gewalt vorzugehen. Gleichzeitig werden die Rufe nach mehr Regulierung, mehr Kontrolle (und einige würden sagen: mehr Zensur) lauter. Das unbefriedigende Resultat: Mehr „gut gemeint, aber nicht gut gemacht“-Gesetze wie das NetzDG.
  • Immer mehr Journalist*innen und Medienhäuser werden verstehen, wie wichtig Fakten-Checken besonders im Bereich Social Media ist. Mit etwas Glück werden fast überall eigens eingesetzte Reporter*innen mit dieser Aufgabe betraut, um proaktiv Falschinformationen aufzudecken und zu recherchieren, wer warum welche Desinformation streut.
  • Gleichzeitig schadet die Causa Relotius dem Vertrauen, das die Menschen in den Journalismus haben, massiv. Noch mehr von ihnen werden klassischen Medienhäusern und Nachrichtenportalen misstrauen, was es für sogenannte „alternative Medien“ am rechten oder verschwörungstheoretischen Rand noch einfacher macht, User*innen für sich zu gewinnen. Die eine perfekte Lösung wird es für den Journalismus vermutlich nicht geben – doch der Weg dahin muss mit mehr Transparenz und Selbstreflexion einhergehen. Auch dabei kann Social Media im Jahr 2019 helfen.

Dennis Horn – Journalist und Dozent

Wir werden 2019 den weiteren langsamen Verfall des Newsfeeds erleben. Das System, das Facebook so unendlich viele Probleme bereitet hat, ist nach wie vor kaputt – und es wird nicht besser. 

Also werden wir auch 2019 über Probleme diskutieren, die Facebook mitverursacht oder verschärft. Immerhin handelt es sich um ein wichtiges Wahljahr, und natürlich werden die Schlagzeilen über Datenschutz und Propaganda kein so schnelles Ende finden. Deshalb wird uns auch die Regulierungsdebatte weiter verfolgen. Der Druck steigt, und ich frage mich, ob die Spitze von Facebook am Ende des Jahres noch aus denselben Leuten bestehen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, wie insbesondere Mark Zuckerberg (der aber vermutlich einfach zu fest im Sattel sitzt) und Sheryl Sandberg die Probleme des Unternehmens noch in den Griff bekommen wollen. 

Zur weiter verfallenden Bedeutungslosigkeit des Newsfeeds tragen auch die Nutzerinnen und Nutzer bei: Sie schätzen ihre Gated Communities immer mehr. Sie schätzen Gruppenchats, in denen sie genau wissen, wer ihr Gegenüber ist, in denen sie sich nicht inszenieren müssen, in denen kein Druck herrscht, wie wir ihn aus dem Newsfeed kennen. Und sie schätzen Storys, die ihnen wieder ein entspannteres, problemfreies, kreatives Social-Media-Dasein ermöglichen. Der gute Aspekt daran: Neue Player könnten es wieder einfacher haben, Nutzerinnen und Nutzer zu gewinnen, wenn sie dabei nicht mehr gegen den übermächtigen Facebook-Newsfeed antreten müssen. 

Nur Instagram wird Facebook noch ein bisschen Freude bereiten – aber auch das nicht mehr lange ungebremst. Facebook wird die App unter ihrem neuen Chef Adam Mosseri weiter aufbohren, ihre Nutzerinnen und Nutzer werden sich vom Newsfeed auch hier zunehmend genervt fühlen, auch bei Instagram wird die Zahl der Probleme wachsen. Und so wird Instagram „zum neuen Facebook“.

Für Publisher wird das zur großen Herausforderung. Viele Häuser hatten 2018 selbst beim „klassischen Social-Media-Setting“ noch immer mit Ressourcen zu kämpfen. Wie soll es da erst aussehen, wenn das Publikum mit einer einfachen Facebook-Seite pro Medium kaum noch zu erreichen ist? Sondern es einen Mix aus Facebook-Verticals, WhatsApp-Kanälen, Story-Formaten, eben aus dem kompletten Social-Media-Besteck braucht, je nachdem, wo das Publikum steckt und wie es so drauf ist? Facebook als Gießkanne für alle? Diese Zeit ist definitiv vorbei.

Anna-Mareike Krause – Head of Social Media

Vor dem Ausblick erstmal ein Rückblick. In diesem Jahr werden einige Facebook-Auftritte großer Medienhäuser zehn Jahre alt. Dieses Jahrzehnt kann man bezogen auf professionelle Social-Media-Arbeit von Medienhäusern sehr grob unterteilen in zwei Phasen: 

In der ersten Phase hielten in Redaktionen viele „dieses Social Media“ für Unfug – und alle anderen machten es trotzdem. In dieser Zeit, den ersten Jahren nach dem Einrichten der Auftritte, wurde überwiegend strategiefrei und eher dilettantisch veröffentlicht. Es gab nur Facebook und Twitter – und Innovation war, wenn Tweets im Fernsehen vorgelesen oder ausgedruckt wurden („So lacht das Netz über…“). Nur wenige Medienhäuser hatten Social-Media Redakteur*innen, die meisten hatten Redakteur*innen, die das nebenbei machten. 

In der zweiten Phase änderte sich das. Die meisten Medienhäuser beschäftigten seitdem ganze Teams, für die tägliche Arbeit wurden Strategien entwickelt, die einen setzten auf unterhaltsames Community-Management, andere auf viel Bewegtbild. Als Erfolg wurde gewertet, was Reichweite und Aufmerksamkeit brachte – auch dann, wenn die Reichweite damit erzielt wurde, blanken Populismus ohne jede journalistische Einordnung zu veröffentlichen oder hetzende Clickbait-Teaser zu schreiben. 

2019 muss das Jahr sein, in dem nun die dritte Phase beginnt. Wenn die vergangenen zehn Jahre zuerst von den dilettantischen Pionieren, dann von der strategischen Professionalisierung geprägt waren, dann müssen die nächsten Jahre davon geprägt sein, dass wir uns als Social-Media-Journalist*innen ernst nehmen – und Journalismus machen. Wir müssen an die eigene Arbeit höhere inhaltliche Ansprüche stellen, als dass wir damit viele Nutzer*innen erreichen oder unseren Webseiten viel Traffic bringen.

Immer noch stehen viele Redaktionen überfordert vor der Frage, wie man eigentlich mit den Populisten umgehen sollte – gerade in den sozialen Netzwerken, wo die AfD alle anderen regelmäßig vorführt, und aus denen die Rechtspopulisten ihre Stärke schöpfen. 2019 muss also das Jahr werden, in dem wir uns bei unserer täglichen Arbeit von selbstkritischen Fragen leiten lassen, wie: Wem geben wir eine Bühne – und wem nicht? Auf welche Nutzer*innen reagieren wir? Wann übernehmen wir die Sprache der Populist*innen? Investieren wir genau so viel Energie in die Suche nach der besten Informationsvermittlung, wie in die nach schlanker Videoproduktion? Und sind wir kritisch genug gegenüber den Plattformen, auf denen wir da arbeiten? 

Das sind die Leitfragen, um 2019 nachhaltigen Social-Media-Journalismus zu machen. In einer gerechten Welt belohnen die Nutzer*innen das dann auch.

Jannis Schakarian – Innovationsmanager Social Media

2018 war ein sehr bewegtes Social-Media-Jahr. Die verschiedenen Plattformen haben die Politik und auch unsere Gesellschaft bestimmt wie nie zuvor. In 2019 werden wir die Folgen davon sehen und verstehen. Aber das hat vor allem auch Auswirkungen auf die einzelnen Plattformen. 

2019 wird das Jahr, in dem Facebook für die Skandale des letzten Jahres büßen muss. Und vermutlich hat das sogar weniger mit den tatsächlichen Skandalen zu tun. Diese tragen nur zusätzlich zu dem unguten Gefühl bei, das Menschen bei der Nutzung von Facebook haben. Facebook hat versucht, seine Nutzer mit Feed-Umstellungen in eine Richtung zu treiben, die deren Verhalten gar nicht entspricht. Aktuellstes Beispiel dafür sind Videos über drei Minuten, die Facebook gerade den Publishern empfiehlt. Tatsächlich erzählen Nutzungsdaten meist aber eine ganz andere Geschichte.

Auch die Feed-Umstellung zu mehr Inhalten von Freunden statt von Verlagen, die uns Anfang 2018 umtrieb, hat wenig gebracht. Im Gegenteil. Denn immer mehr Hochzeitsbilder und Aufnahmen vom neuen Auto haben dazu geführt, dass weniger professionelle Inhalte gefunden werden. Damit hat Facebook viele Publisher verschreckt, die gezielt für die Plattform produzieren. Oder die Medienmarken haben gleich komplett dichtgemacht. Die Nutzer wiederum finden nicht mehr die auf Engagement getrimmten Inhalte, die sie eigentlich gewohnt waren. Und so mehren sich, eine Weile nach dem Cambridge-Analytica-Skandal, die Abmeldungen vom blauen Riesen. Ich selbst habe die App schon lange vom Smartphone geschmissen und vermisse sie nicht. 

Doch Facebook muss deswegen nicht wirklich traurig sein, denn der Profiteur ist klar: Instagram. Da die Bilder-Plattform auch zum Facebook-Konzern gehört, darf man sich hier über Wachstum freuen. Dementsprechend wird sich Instagram dieses Jahr verändern. Denn fast jedes Unternehmen, das sich im Laufe der Jahre eine Facebook-Seite zugelegt hat, wird sich früher oder später ein Instagram-Profil zulegen. Die Frage ist, wie verändert sich dadurch die Plattform? Die Befürchtung: Nachdem die Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger das Unternehmen verlassen haben, wird die Plattform hemmungslos durchmonetarisiert und auf Umsatz anstatt auf User Experience optimiert und dadurch überladen. Aber irgendwie müssen ja die stagnierenden Facebook-Erlöse ausgeglichen werden.

Ein ganz anderer Ausblick: Wir werden von TikTok noch deutlich mehr hören. Das frühere musical.ly schickt sich an, die jüngsten Social-Media-Nutzer einzusammeln. Die Plattform entwickelt sich weg vom reinen Lipsync und hin zu einer Entertainmentplattform für Kurzvideos. Damit hat TikTok einen starken Stand im mobilen Videomarkt, ähnlich dem früher so beliebten Vine. Dementsprechend werden dieses Jahr vermutlich viele aufwachen und die Reichweiten entdecken, die die Plattform auch jenseits von Lisa & Lena erzielt.

Ayla Mayer – Ressortleiterin Social Media

Superwahljahr in Deutschland, Europawahl, Russland-Ermittlungen in den USA und wachsende Destabilisierung des politischen und gesellschaftlichen Diskurses von Rechts – 2019 wird, äh, spannend. Deshalb gibt es von mir an dieser Stelle weniger Glaskugel (Wann stirbt IGTV? Und lebt bei @TwitterDE eigentlich noch jemand?), sondern mehr bereits vorhandenes redaktionelles, auf das wir aufbauen müssen. 

Aber in Zeiten von Doxing von Politiker*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen, orchestrierten Shitstorms, Medien, die Mücken zu Elefanten aufblasen, amoktwitternden ZDF-Redakteuren und der Unterwanderung der Kommentarspalten haben wir vielleicht dringlichere Themen als den neusten heißen Technik-Scheiß. 

Also: Was können wir tun? 

Von 2019 erwarte ich, dass in sämtlichen Redaktionen angekommen ist: Social Media ist nicht einfach nur eine Linkschleuder. Redaktionelles Social Media gehört in die Hände von gut ausgebildeten Redakteur*innen. Es braucht Gespür für Themen, das Gefühl für Sprache, das richtige Timing, das Verständnis sowohl von der eigenen Marke als auch von der Zielgruppe. Es braucht die richtige Ansprache, um Krisensituationen zu entschärfen. Es braucht profunde Kenntnis von Diskussionskultur in Netz. Es braucht sehr gutes Allgemeinwissen, Verständnis von Politik, Gesellschaft, aktuellen Diskursen. Kurzum: Es braucht Menschen mit redaktionellem Grundwerkzeug.

Ein gutes Social-Media-Team berät die Blattmachenden bei Themen, gewichtet aktuelle Diskussionen, kann eine wirklich Debatte von einem ideologischen Pseudodiskurs unterscheiden und die Redaktion daran hindern, sich von Protagonist*innen vor sich hertreiben zu lassen. Die Politik hat längst verstanden, was Social Media bewirken kann. Nun ist es höchste Zeit, dass Chefredaktionen das ebenfalls tun und ihre Ressorts dementsprechend aufstellen. Mit klugen, belesenen und besonnenen Redakteur*innen in einer Festanstellung. Dann wäre 2019 schon viel gewonnen.

Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass das Internet ein viel friedlicherer Ort wird, wenn Facebook nur endlich das Rolleye-Emoji als Reaktion einführt. Call me, Facebook!

Ole Reißmann – Redaktionsleiter

Elektrische Tretroller. Die Rückkehr von „Brooklyn Nine-Nine“. Eppendorf-Twitter. Erbschaftssteuer. Sehr viel brennt gerade sehr heiß. Aber nichts reicht an die Temperatur von alten, klassischen, garantiert Internet-freien Weckern heran. Schaltet die Rauchmelder scharf, stellt drei Eimer Wasser bereit und kleidet eure Schlafzimmer mit Asbest aus – es wird hot, hot, hot! 

Dafür heißt es Abschied nehmen vom Handy im Bett, neben dem Kopfkissen, drei Zentimeter vorm rechten Augapfel. Denn wir schlafen wieder ohne. Kalter Entzug, zwischen fünf und sieben Stunden täglich. Unser Fenster zur Welt – geschlossen, verdunkelt, weggesperrt in einen Nebenraum. 

Damit die ersten Minuten morgens wieder uns gehören. Die kostbaren Momente des noch jungen Tages teilen wir nicht mit WhatsAppInstagramFacebookTwitter, sondern wieder mit uns, mit Partnern, Partnerinnen, Kindern, Milben, vielleicht noch Handwerkern oder informierten Technikern. Das Gerät muss warten! 

Wecker statt Handywecker, weniger statt mehr, Kickstart – nicht Schlummertaste. Hier explodiert nun der Trendvulkan: ein Offline-Wecker muss her! Doch Vorsicht, es tut nicht irgendein Ikea-Reisewecker für zwei Euro – es muss ein Designwecker sein. Braun hat da was von Dietrich Lubs, was schon sehr nach Dieter Rams aussieht, und die Namen klingen ja auch ähnlich. Jedenfalls Design, denn der Wecker signalisiert unsere neue Achtsamkeit, uns und der Welt gegenüber. Da stört ein hässliches Stück Plastik. 

Die Investition in einen Stand-Alone-Wecker zahlt sich jeden Morgen aus: Mit Zeit, die wir plötzlich ganz bewusst genießen. In der wir die Pflege unseres Bonsais gedanklich durchspielen, das Arrangement der Früchte auf dem kalt eingelegten Haferbrei oder unseren re:publica-Talk über Digital Detox in der privaten Ruhezone. (Der Designwecker macht sich super auf Powerpoint.) 

Wir machen die Augen zu und gehen offline. Praktisch an dem Medientrend 2019: Die letztlich minimale Einschränkung bei maximaler Selbstliebe. Denn während sich der Cyber-Prolet noch von „Radar“, „Erwachen“ oder „Funkeln“ in die Marktwirtschaft rufen lässt, genießen die Offlinefreunde schon wieder das Piezo-Fiepen aus einer Zeit, in der vieles nicht besser, aber immerhin offline war. Jetzt erstmal das Handy suchen.

Franziska Bluhm – Digitalberaterin und Journalistin

Linkedin, Pinterest, Instagram – das sind die Namen der sozialen Netzwerke, die 2019 deutlich an Bedeutung gewinnen werden. Das bedeutet nicht, dass die anderen – Facebook, Twitter und Co. in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden. 

Wir werden spannende Cases im Bereich Messenger und anderen 1-zu-1-Kommunikationstools erleben: für die Leser- und Kundenbindung.

Weil das Jahr noch jung ist, wünsche ich mir von Journalisten und Medien drei Dinge für Social Media: 

  • Weniger Linkschleudern – dafür echten Community-Aufbau.
  • Mehr Kommunikation auf Augenhöhe. Ich weiß, dass wir das Jahr 2019 haben. Aber noch immer sehen wir in den sozialen Netzwerken, dass das nicht überall gelebt wird. 
  • Echte Linkedin-Strategien. Journalisten haben eigentlich alles, um dieses Netzwerk zu rocken. Die großen Akteure sind allerdings andere.