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Was Social-Media-Expert*innen von 2021 erwarten
By Jörgen Camrath comment 0 Comments access_time 18 min read

Corona. Brexit. US-Wahl. Was war das nur für ein Jahr?

Niemand konnte Ende 2019 ahnen, wie sehr sich unser Alltag verändern und wie einschneidend 2020 sein würde. 13 Social-Media-Expert*innen hatten dennoch einen Ausblick gewagt – wie schon 2016, 2017, 2018 und 2019. Und sie sollten mit einigen Vorhersagen richtig liegen (looking at you, Quibi).

Auch 2021 wird vieles anders. Das haben die ersten Tage des neuen Jahres eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Große Plattformbetreiber wie Facebook, Twitter und Snapchat reagieren auf den bevorstehenden Machtwechsel in Washington und sperren bzw. löschen Accounts wie die des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump und zahlreicher seiner Anhänger*innen. Viele Jahre haben sie die Verbreitung von Lügen, Hass und Hetze toleriert. Nun geht plötzlich alles ganz schnell. Was für Auswirkungen dieses Vorgehen haben wird? Auch das werden die kommenden Monate zeigen.

In diesem Jahr geht der Dank fürs Mitmachen an Lilly Blaudszun, Franziska Bluhm, Ann-Kathrin Hipp, Eva Horn, Tobias Dorfer und Dennis Horn.

Und wie immer gibt es gleich zu Beginn ein tl;dr. Wir haben ja alle keine Zeit.

WAS ERWARTET UNS 2021?

  • Desinformationen werden uns auch 2021 das Leben schwer machen
  • Das Superwahljahr wird den politischen Diskurs in den sozialen Medien bestimmen
  • Nach einem Jahr der Zwangsdigitalisierung aufgrund von Corona erleben wir 2021 eine Rückbesinnung auf analogen Austausch
  • Messenger-Dienste und Newsletter gewinnen weiter an Bedeutung
  • Egal ob in Verlagen, Unternehmen oder Politik: Um junge und diverse Zielgruppen zu erreichen, werden vermehrt junge und diverse Menschen eingestellt
  • Community-Arbeit wird immer wichtiger: Wer es schafft, eine langfristige und nachhaltige Bindung aufzubauen, der gewinnt
  • Facebook bleibt wichtig – die Plattformen mit dem größten Momentum 2021 aber werden Instagram, TikTok und LinkedIn sein

Eva Horn – Journalistin

Toll, 2020 ist endlich vorbei, nun kommt 2021 und da wird endlich alles gut. Könnte man meinen, aber so einfach ist es nicht.

2021 – das Jahr der Desinformation
Die kleine, laute Minderheit der Impfgegner*innen war schon immer äußerst kampagnenfähig – und es zeichnet sich schon jetzt ab: 2021 wird ihr Jahr werden. Wenn man sie lässt. Schon jetzt gibt es kaum einen Facebook-Post von Nachrichtenseiten zu Covid-19, unter dem nicht Verschwörungstheorien sprießen.

Wie wäre es also mit einem Neujahrsvorsatz: 2021 lernen wir, Fake News zuverlässig zu enttarnen, nicht mehr jeden Scheiß mit Reichweite in den sozialen Netzwerken zu adeln und dass es nicht immer „beide Seiten“ gibt. 2021 wird das Jahr, in dem die Plattformen ihrer Verantwortung gerecht werden und endlich alle Geld für sinnvolle, zielgruppengerechte Informationskampagnen ausgeben. Sollte das nicht passieren, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Gegenöffentlichkeiten wachsen und gedeihen – und Verschwörungstheorien immer neue Anhänger*innen finden.

2021 – das Superwahljahr
Im Herbst 2021 ist Bundestagswahl. Man darf gespannt sein, mit welchen Formaten die Parteien in den sozialen Netzwerken versuchen, mögliche Wähler*innen von sich zu überzeugen.

Spannend wird es auch zu sehen, mit welchen Formaten und auf welchen Plattformen Medienhäuser die Generationen X, Y und Z abholen wollen. Besonders neugierig schaue ich in Richtung der Öffentlich-Rechtlichen – und hier ganz besonders auf die FUNK-Formate. Dort gibt es bereits erste Formate, die versuchen, U40-Zielgruppen deutsche Politik näherzubringen. Ich gehe davon aus, dass dieses Angebot ausgeweitet wird. Und ich hoffe gleichzeitig, dass es seiner Verantwortung gerecht wird. (Siehe Punkt 1)

2021 – das Jahr der Diversität
Soziale Bewegungen wie „Black Lives Matter“ schwappten 2020 erfreulicherweise auch nach Deutschland. In Rundfunkanstalten und Medienhäusern setzt sich nun langsam die Erkenntnis durch, dass Menschen egal welchen Migrationshinter- oder Vordergrunds ebenfalls eine relevante Zielgruppe darstellen. Und dass sie sich von redaktionellen Beiträgen eines Christians, Holgers oder einer Susanne nur bedingt angesprochen fühlen.

In vielen Redaktionen wurde 2020 endlich darüber nachgedacht, wie man eine größere Vielfalt (im Programm und in der Redaktion) erreichen kann. Darum ist es überaus praktisch, dass eine neue Generation kluger Journalist*innen mit oder ohne Migrationsgeschichte bereits in den Startlöchern steht. Sie starten 2021 mit neuen Formaten in den sozialen Netzwerken durch und gewinnen an Reichweite. Und sie erschließen den Medienhäusern neue Zielgruppen. Darauf freue ich mich sehr.

Dennis Horn – Journalist und Dozent

Erstens: Pause für die Zwangsdigitalisierung
Wie vermessen ist es, nach einem Jahr wie 2020 noch in die Zukunft blicken zu wollen? Vielleicht beginnen wir deshalb mit einer Entwicklung, die ich für 2021 nicht sehe: die Fortsetzung dessen, was wir im Corona-Jahr „Zwangsdigitalisierung“ genannt haben.

2021 werden wir einen Backlash erleben. Ich nehme viel „Wenn wir dann wieder in Präsenz sind…“ wahr. Ich erlebe Menschen, die sich nach fast einem Jahr Pandemie nicht auf den digitalen Raum eingelassen haben. Ich sehe Unternehmen, die ihren Mitarbeiter*innen in der zweiten Welle deutlich seltener die Arbeit im Homeoffice ermöglicht haben.

2021 sollten wir digitalen Geister uns auf einen Schritt zurück einstellen.

Zweitens: Zügel für die Plattformen
Allein die Zahl der Gesetzes- und Regulierungsvorhaben in den USA und in der EU ist erdrückend. Der neue US-Präsident gilt nicht als Freund des Plattformkapitalismus. Und auch die Bundestagswahl wird die Debatte um die gesellschaftlichen Auswirkungen noch einmal vorantreiben.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir 2021 schon fertige Lösungen sehen werden. Aber seit einigen Jahren erleben wir einen Wettlauf: Bringen die Plattformen die Demokratien ins Wanken – oder sind die Demokratien schnell genug, die Plattformen zu zügeln?

2021 könnte ein entscheidendes Jahr werden.

Drittens: Instagram wird das neue Facebook
2020 hat Instagram erstmals Facebook bei der täglichen Nutzung überholt. „Das neue Facebook“ zu sein, bedeutet aber auch, mit Problemen konfrontiert zu sein, die bisher eher die von Facebook waren: Die Menge an Hass und Hetze zum Beispiel, die mittlerweile auch Instagram zu schaffen macht. Und die Aufmerksamkeits- und Interaktionsmechaniken, die Facebook seit dem Abgang der Instagram-Gründer jetzt auch stärker zur Grundlage dieser Plattform macht. Oder die Entscheidungen, die dafür sorgen, dass Instagram nicht mehr der entspannte und sichere Ort ist, der es einmal war.

Viertens: Fokus auf Messenger
Das Bundesgesundheitsministerium hat zuletzt schon in Telegram gezeigt, wie politische Kommunikation über Messenger funktionieren kann – mit Informationen in einer Umgebung, die eher mit Desinformation auf sich aufmerksam macht. Der Bundestagswahlkampf wird weitere Versuche mit sich bringen. Darauf dürften auch Medienhäuser interessiert blicken. Sie haben mit dem Newsletter-Verbot in WhatsApp oft wertvolle Communitys verloren. Seitdem sind viele auf der Suche nach einer Alternative. Deshalb wird auch die Frage, wie sich Konkurrenzmessenger positionieren, eine Rolle spielen.

Fünftens: Games als Social-Media-Plattformen 
Zwei Welten werden weiter zusammenwachsen: Social Media und Games. Dabei sprechen wir nicht nur über Plattformen wie Twitch oder Funktionen wie TeamSpeak, sondern auch über Konzerte und Festivals in „Fortnite“ und „Minecraft“ oder Wahlkampfauftritte in „Animal Crossing“.

Mit unserer Trendforschung im WDR Innovation Hub sehen wir, dass Hersteller stärker darauf setzen, die Games selbst mit Social Hubs auszustatten – und so zu Orten zu machen, an denen nicht nur gespielt wird. Falls diese Orte relevant werden, wird sich für Medienhäuser und die Kommunikation nach 2021 auch die Frage stellen, wie sie in einer solchen Umgebung ihre Inhalte platzieren können.

Lilly Blaudszun – Kampagnen-Mitarbeiterin

2021 ist das Jahr, in dem ihr „diese jungen Leute“ endgültig verlieren könntet

Nehmt unsere Parallelwelt ernst 
Erinnert ihr noch euch daran, als Influencer*innen und Jugendliche im US-amerikanischen Wahlkampf dafür gesorgt haben, dass Donald Trump vor leeren Rängen spricht? Und keiner der Strateg*innen des Präsidentschaftskandidaten hat es vorher geschnallt? Die Jugend wächst in einer digitalen Parallelwelt auf, in der traditionelle Social-Media-Kommunikation nicht stattfindet.

2021 wird das Jahr, in dem die Jugend euch endgültig abhängen könnte. Herkömmliche Digitalstrategien funktionieren für meine Generation nicht mehr. Und wer immer noch nicht gemerkt hat, was das für Kommunikation im Netz bedeutet, wird den Zugang zu meiner Generation verlieren. Die digitalen Machtstrukturen haben sich verschoben.

Holt euch die Jugend ins Team
Wenn mittelalte Online-Expert*innen über Plattformstrategien und Social-Media-Konzepte sprechen, macht mich das manchmal etwas ratlos. Es ist ein bisschen so, als würden sie vor der Tür zu einer jungen digitalen Parallelwelt stehen, durchs Schlüsselloch gucken und dann rufen: „Cool, kann ich alles! Insta-Storys und Gifs und Video-Snippets und so. Ich habe sogar das TikTok-Video der Tagesschau gesehen!“

Das Problem: Sie öffnen die Tür nicht. Sie betreten unsere Parallelwelt nicht. Manchmal werfen sie ein Sharepic durch den Türspalt und wundern sich, dass es nicht viral geht. Sie verstehen nicht, wie unsere Welt, unsere Kultur und unsere Sprache funktionieren. Und sind deshalb total baff, wenn ein blauhaariger YouTuber mit einem einzigen Video ihr Selbstverständnis über Deutungshoheit erschüttert. Oder wie ein paar Kids es schaffen, den mächtigsten Mann der Welt blamieren, weil sie sich auf irgendeiner dieser neuen Plattformen verabreden.

Ihr müsst nicht alles können. Ihr müsst nicht alles verstehen. Aber ihr müsst diese Tür öffnen – oder ihr müsst sie für euch öffnen lassen! Holt euch junge Menschen in eure Teams und hört ihnen zu. Nehmt ernst, was sie sagen. Lasst sie experimentieren, lasst sie scheitern, lasst sie etwas Neues ausprobieren. Bringt junge Leute mit euren Online-Expert*innen zusammen. Was junge Leute wissen und was erfahrene Kommunikator*innen können, ergibt doch ein perfektes Match!

Stellt eure Community in den Mittelpunkt
Die Zeit des Sendens ist vorbei. Das war auch 2020 schon klar. Community-Management ist mehr als das Beantworten von Kommentaren. Es ist das Herstellen von Augenhöhe. Die Dynamik in der Parallelwelt meiner Generation entsteht vor allem durch Gesichter, mit denen sich die Community identifizieren, denen sie vertrauen und mit denen sie in den Austausch treten kann.

Und diese Akteur*innen müssen natürlich sein. Für die Gen Z sind Content-Erstellung und Online-Aktivität so selbstverständlich wie das morgendliche Aufstehen. Eine Instagram-Story als Kampagne zu verstehen, wird niemanden weiterbringen und letztlich dafür sorgen, dass man in den Köpfen der Jugend nicht stattfindet. Es darf nicht darum gehen, kurz auf dem Bildschirm aufzutauchen, sondern darum, langfristige und nachhaltige Bindung zu schaffen.

Hört auf, Text auf eure Gesichter zu schreiben
Zitat-Kacheln geraten genauso schnell in Vergessenheit wie Matthias-Schweighöfer-Filme.

Versteht diesen Text als Einladung. Klopft mal ernsthaft an unserer Tür. Vielleicht lassen wir euch rein.

Tobias Dorfer – Journalist

Die Zeiten, in denen die Arbeit von Social-Media-Journalist*innen vor allem darin bestand, möglichst viele Artikel-Links in die Feeds und Timelines zu pressen, sind zum Glück vorbei. Stattdessen werden Medien die verschiedenen Plattformen in diesem Jahr noch stärker für kreativen Onlinejournalismus nutzen. Folgende Entwicklungen sehe ich dabei:

Journalismus goes hochkant
Stories haben sich von Snapchat über Instagram, Facebook, LinkedIn und Twitter hinaus als festes (mobiles) Erzählformat etabliert. Sie erhalten 2021 noch mehr Sichtbarkeit auf den Kanälen und Webseiten von Nachrichtenangeboten und bieten viel Raum für innovative Formate. Social-Media-Journalist*innen werden als Expert*innen für neue Story-Formate gefragt sein und sie gemeinsam mit ihren Kolleg*innen in den Redaktionen etablieren.

Communitys aufbauen heißt Vertrauen aufbauen
Die Corona-Pandemie, der Kampf gegen den Klimawandel und der Umgang mit Populismus und Falschinformationen – nie war der Bedarf an kluger Einordnung und faktenbasierter Berichterstattung so groß wie heute. Der Qualitätsjournalismus wird diesem Bedarf künftig dort nachkommen müssen, wo Menschen zunehmend ihre Zeit verbringen: in Telegram- oder Facebook-Gruppen, auf Reddit und Twitch. Für Publisher zahlt sich es gleich mehrfach aus, sich dort zu engagieren: Wer diese Communitys ernst nimmt und ihr Vertrauen gewinnt, wird eine neue, diverse(re) Leserschaft finden und zudem mit Themen und Sichtweisen konfrontiert, die kein Feed einer Nachrichtenagentur abbildet.

Das Nutzerverhalten ändert sich
Die Aufmerksamkeit der Social-Media-Nutzer*innen und die Aktivitäten der Medienhäuser verteilen sich künftig noch stärker auf verschiedene Plattformen. Vor allem TikTok wird mit seinem Empfehlungsalgorithmus und seiner jungen, kreativen Nutzerschaft zu einem immer spannenderen Ort für traditionelle (Nachrichten-)Marken.

Instagram wird sich 2021 noch stärker von einer Fotoplattform zu einem Ort für Debatten und unterschiedliche Erzählformen wandeln – etwa in Grafiken, Storys, Reels oder den kürzlich gestarteten Guides. Und dann ist da noch LinkedIn, das mit einer eigenen Redaktion darauf setzt, Nachrichteninhalte verschiedener Publisher zu kuratieren. Dadurch könnte LinkedIn gerade für Medienhäuser, die auf hochwertige Pay-Inhalte setzen, eine immer spannendere Plattform werden.

Und der Facebook-Newsfeed?
Der Facebook-Newsfeed ist längst nicht mehr der zentrale Treffpunkt der Social-Media-Nutzer*innen, die sich untereinander vernetzen wollen. Wer sich mit Gleichgesinnten zu speziellen Themen austauschen will, trifft sich in (abgeschlossenen) Facebook-Gruppen oder gleich bei Reddit und Telegram.

Dennoch erreichen die Beiträge journalistischer Seiten über den Newsfeed weiterhin ein großes Publikum. So hatten wir bei Zeit Online zuletzt mit einem Livestream und einem Facebook-Event zur US-Wahl großen Erfolg. Es lohnt sich also, den Newsfeed und seine Möglichkeiten nicht völlig aus dem Blick zu verlieren. Interessant wird auch der neue News-Bereich, den Facebook wohl 2021 in Deutschland ausrollen wird.

Zum Schluss: ein Wunsch
Nach den Erwartungen noch ein Wunsch: Den Trend hin zu Audio haben Facebook, Twitter, LinkedIn, Snapchat und Instagram leider verschlafen. Was sich die Plattform-Betreiber im neuen Jahr ganz oben auf die To-do-Liste schreiben sollten: Tools zu entwickeln, um Podcasts besser bewerben und teilen zu können.

Ann-Kathrin Hipp – Journalistin

2021 wird das Jahr der Wahlkämpfe (in Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und auf Bundesebene). Nie war die Social-Media-Präsenz für Parteien und Politiker*innen wichtiger. Wer in einer Nach-Merkel-Ära Kanzler*in werden will, braucht mindestens Twitter und Instagram – vielleicht sogar TikTok.

Fakten gegen Fake News: Verschwörungstheoretiker*innen, Hetzer*innen und Spinner*innen jeder Art werden auch in diesem Jahr ihren Mist in die sozialen Netzwerke kippen. Es bleibt eine zentrale Aufgabe (insbesondere der Medien), Falsches zu entlarven und für die Verbreitung fundierter Informationen und Nachrichten zu sorgen.

Digitale (Leidens-)Gemeinschaft: Solange das echte Leben weiter eingeschränkt ist, verlagert sich viel ins Netz – auch das Bedürfnis nach Nähe und Zusammenhalt. Bereits 2020 haben sich Menschen zunehmend auf einer persönlichen Ebene online vernetzt und ausgetauscht. 2021 wird sich dieser Trend fortsetzen.

Live is Life: Streaming-Konzerte sind eher Mist. Für Diskussionsveranstaltungen jedweder Art eignen sich Live-Übertragungen und -Schalten in den sozialen Medien allerdings bestens – sicher auch postpandemisch.

IGTVs, Storys, Reels: (Kurze) Videoformate sind vielleicht schon jetzt die neuen Podcasts. Bitte nicht verschlafen! Und bitte nicht „nur mal nebenbei“ mitdenken.

Franziska Bluhm – Digitalberaterin und Journalistin

Diversität: Ich lasse das Thema „Diversität“ auf der Agenda, denn ich gehe fest davon aus, dass wir auch hier einen Schritt weiterkommen. Weil wir es müssen. In allen Bereichen fehlt es an unterschiedlichen Sichtweisen – ja, auch in 2021 wäre es schon ein Gewinn, Geschlechterdiversität zu erreichen. Das gilt vor allem auch für die Medienbranche. Der Kollege Thomas Baekdal hat dazu einen sehr lesenswerten Newsletter geschrieben.

How: In 2020 wurde viel über „Purpose“ diskutiert und da war ziemlich viel Buzzword-Bingo dabei. Dafür werden wir 2021 keine Kapazitäten haben. Denn am Ende muss umgesetzt werden. Keine großen Reden schwingen, sondern umsetzen, Prozesse definieren, Best Practises entwickeln – darauf wird es 2021 ankommen.

Polarisierung: Die Polarisierung der Gesellschaft wird weiter zunehmen – sicherlich auch durch die Corona-Pandemie befeuert. Das wird sich auch auf Kommunikationsformen jedweder Art auswirken. Dabei spielen die Medien leider eine nicht unerhebliche Rolle – im Kampf um Aufmerksamkeit und Umsätze.

Fragmentierung der Medienmarken: Anfang 2020 hatte ich vorhergesagt, dass die Fragmentierung der vierten Gewalt fortschreiten wird. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass gerade in Krisenzeiten auch die klassischen Medien eine wichtige Informationsquelle sein können. Leider hat hier nicht überall auch das Geschäftsmodell profitiert. Entlassungen, Effizienzprogramme und Co. werden dafür sorgen, dass die Fragmentierung sich verstetigen wird. Mit zweierlei Effekten: Es werden neue Medienmarken entstehen – spezialisierter, mit einer größeren Fokussierung auf Nischen. Und wir werden sehen, dass es auch hierzulande weitere journalistische Personenmarken geben wird, die ihr eigenes Ding aufziehen. Wer es versäumt, dabei eine Community aufzubauen und diese auch zu pflegen, wird keine Chance haben.

Newsletter: Kann man das 2021 noch als Trend bezeichnen? Wenn ich meine letzten Seminare zu diesem Thema Revue passieren lasse: ja. Noch immer haben vor allem viele Medienmarken und Journalist*innen nicht erkannt, welche Kraft Newsletter entwickeln können. Und damit meine ich nicht die „Listletters“, in denen einfach nur wild irgendwelche Links verschickt werden. Im Lokalen aber auch für Fachmarken eignen sich Newsletter sehr: Sie können vielseitig eingesetzt und automatisiert werden, um Säulen für digitale Erlösströme aufzubauen.

Podcasts: Bleibt Trend. Ich empfehle hierzu den Text von Philipp Westermeyer beim Medieninsider.

Social Media: LinkedIn, TikTok und Instagram – das sind die Namen der Plattformen, die 2020 zu den Gewinnern zählen werden, habe ich 2020 geschrieben. Würde ich auch für 2021 so sehen und ergänzen: Messenger. Ich gehe fest davon aus, dass sie im Wahlkampf 2021 eine größere Rolle spielen werden als dem einen oder anderen lieb ist.

Digital first: Auch wenn es wie ein No-brainer klingt – Ende 2021 wird sich kaum eine*r NICHT mit digitalen Strategien auseinandergesetzt haben. Schon gar nicht in Sachen Kommunikation. Scott Galloway, der Prognosepapst, spricht schon eine Weile von dieser Streuung – denn zusätzlich durch den Pandemie-Effekt ist es noch schwieriger geworden, Menschen auf EINEM Weg zu erreichen. Es ist vielmehr noch notwendiger geworden, verschiedene Wege zu gehen, um Zielgruppen zu erreichen.

Dieser Beitrag wurde zuvor bereits im Blog franziskript.de veröffentlicht.

Ein Wort zum Schluss

Normalerweise überlasse ich an dieser Stelle ausschließlich anderen das Wort. Allerdings gibt es einen Punkt, der zwar schon im ein oder anderen Beitrag durchgeklungen ist, den ich jedoch noch einmal besonders hervorheben möchte: 2021 wird das Jahr der Impfgegner.

Impfgegner waren auch in diesem Jahr schon sehr aktiv. Egal ob auf den zahlreichen Querdenken-Demos oder via Facebook, Twitter und Co: Ihre Botschaften waren dankbares Futter für alle, die sich vom Staat unterdrückt fühlen und Corona für ein Hirngespinst halten.

Bislang war der Tenor vieler Aussagen: „Wenn der Impfstoff kommt, dann…“ Nun ist er da – und so wird nicht nur sprachlich noch einmal aufgerüstet. Dabei spielt den Impfgegnern die Dringlichkeit der Lage in die Hände. Nie zuvor wurde solch eine Art von Impfstoff zugelassen.

Es ist darum absolut nachvollziehbar, dass auch Menschen Wirksamkeit und Nebenwirkungen hinterfragen, die Impfungen normalerweise offen gegenüberstehen. Die Hintergründe beschreibt Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, im heutejournal-Interview sehr gut. Sie alle sind potentielle Adressaten von Impfgegnern und ihren kruden Botschaften. Darum ist es wichtig, früh, transparent und umfangreich über die Impfstoffe aufzuklären. Aber man wird auch digital aufrüsten müssen – denn der Kampf der Impfgegner findet größtenteils online statt.

Facebook, Twitter, YouTube und Co. haben in der Vergangenheit angekündigt, gegen die Verbreitung von Falschinformationen zu Impfungen vorgehen zu wollen. Doch leider sind die Maßnahmen oft nur halbherzig. Darum wird es in den kommenden Monaten von zentraler Bedeutung sein, dass sich die relevanten gesundheitspolitischen Akteure mit Gesetzgebern an einen Tisch setzen, um über Lösungen (ja, auch über Regulierungen) zu sprechen.

Warum ist das wichtig? Weil es ohne nicht funktionieren wird. Impfgegner laufen sich jetzt schon warm, wie ein aktuelles Beispiel aus den USA zeigt. Dort war offenbar eine Krankenpflegerin nach ihrer COVID-19-Impfung ohnmächtig geworden. Die Gründe dafür sind unklar. Doch das hielt Impfgegner nicht davon ab, die Social-Media-Kanäle des Krankenhauses, in dem die Frau arbeitet, zu überfluten und zu behaupten, dass sie gestorben sei und die Sache vertuscht werden solle.

Wie häufig in solchen Fällen macht der Name der Frau nun in Verschwörungstheorie-Foren die Runde. Man versucht herauszufinden, ob sie ein Opfer ist – oder mit Ärzt*innen und Co. unter einer Decke steckt.

Auf solche Anschuldigungen und Bloßstellungen müssen sich Pflegepersonal, Ärzt*innen und Co. einstellen und vorbereiten. Es braucht Strategien, um Mitarbeitende zu schützen. Es braucht Community-Arbeit, um Social-Media-Auftritte nicht kampflos den Impfgegnern zu überlassen.

2020 war hart. 2021 wird nicht einfacher.

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