Das vergangene Jahr stand ganz im Zeichen der Live-Berichterstattung auf Facebook. Zwar gehörte der große Moment nach besonderen Lagen wie den Anschlägen in Nizza und Berlin oder dem Amoklauf in München erneut Twitter. Doch immer häufiger kamen die Nutzer 2016 auch zu Facebook, um sich aktuell zu informieren. Sei es im Livestream auf N24 – oder eben direkt über die Aufnahmen eines Reporters vor Ort.

Aber auch abseits von Facebook Live hat sich einiges getan. Snapchat – einer der Emporkömmlinge des Jahres 2015 – musste in den vergangenen zwölf Monaten die Konkurrenz aus dem Hause Instagram abwehren. Viele ehemals exklusive Funktionen fanden Einzug ins Bilder-Netzwerk aus dem Hause Facebook. Google Plus verschwand noch weiter in der eh schon tiefen Versenkung, dafür starteten Messenger-Bots wie Allo und Resi durch. Und was bringt 2017?

Erneut haben sich mehrere Journalisten und Social-Media-Experten aus dem deutschsprachigen Raum dieser Frage angenommen, die anders als im vergangenen Jahr diesmal etwas offener gestellt war:

Was erwartet uns 2017 im Bereich der sozialen Medien?

tl;dr

  • Verlage müssen wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen und Ressourcen schaffen, damit dies gelingen kann
  • Audio wird eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Frage ist, wie und ob Marken dort überhaupt noch präsent sein können
  • Wir werden den ersten digitalen Wahlkampf in Deutschland erleben, aus dem die AfD als Sieger hervorgehen wird
  • Der Hype um Virtual Reality klingt ab. Dafür werden smarte Kopfhörer und Home-Boxen immer wichtiger und die Frage, wie Verlage dort eine Rolle spielen können
  • Der Kampf gegen Fake News wird an unterschiedlichen Fronten ausgetragen
Anna-Mareike Krause – Head of Social Media bei der Tagesschau

2017 wird das Jahr, in dem viele Medienhäuser Messenger-Bots entwickeln werden. Außerdem wird Live noch wichtiger werden als es 2016 schon war. In meinen Augen aber wird das wichtigste Thema des Jahres keine Plattform- oder Formatfrage. Sondern der Umgang mit Fake News, Social Bots und systematischer Propaganda in sozialen Netzwerken.

Es sind die Netzwerke, in denen sich Fake News verbreiten. Deshalb kann die Empfehlung nur sein: Medienhäuser sollten soziale Netzwerke nicht länger als Werbeplattform für das eigene Haus begreifen, sondern als journalistische Ausspielwege. Sie sollten also ihre Social-Media-Redaktionen journalistisch arbeiten lassen und personell entsprechend ausstatten. Kein Medium, dessen Social-Media-Strategie im Wesentlichen aus Clickbaiting-Teasern besteht, gewinnt bei NutzerInnen an Glaubwürdigkeit.

In den Vorjahren waren die unterschiedlichen Social-Media-Strategien vor allem von Wachstum geprägt: Neue Formate, neue Plattformen, mehr Reichweite – und vor allem: mehr Traffic auf der eigenen Website. Wer sich als journalistisch arbeitendes Medium ernst nehmen will, muss 2017 den Schwerpunkt verschieben und sowohl die eigenen Social-Media-RedakteurInnen als auch die UserInnen für voll nehmen. Insbesondere zu letzterem gehört, Social-Media-Journalismus als etwas zu begreifen, das nicht gegen die KonsumentInnen funktioniert und deshalb Nutzungsgewohnheiten nicht ignorieren darf. Für viele Häuser wäre das ein Umdenken.

Torsten Beeck – Head of Social Media bei Spiegel Online

Während Journalisten immer noch darüber diskutieren, wie Print- und Online-Redaktionen künftig besser zusammenarbeiten könnten, sind die Nutzer längst Jahre weiter – die Grenzen zwischen Inhalt und Plattform sind bereits fließend. Nutzer interessieren sich nicht für die Produktionsweise. Warum sollten sie auch? Die gute Nachricht: Sie interessieren sich für spannende Geschichten. Aber die Grenze der reinen Content-Distribution ist vermutlich zu einem gewissen Grad erreicht, deshalb müssen wir zu unseren Nutzern gehen, und unsere Erzählweise den Plattformen anpassen, auf denen wir sie verbreiten. Dafür müssen wir unsere Produktionsweise radikal überdenken.

Audio- und Videoinhalte werden noch wichtiger, und wir müssen uns verändern, wenn wir dem gerecht werden wollen. Amazons Echo, Google Home und Apples Siri werden die Art auf den Kopf stellen, wie wir mit Computern interagieren, und sie werden das Format der Inhalte prägen, die wir nutzen. Diese Plattformen müssen wir sehr schnell verstehen und lernen, wie wir überhaupt noch als Marke präsent sein können, wenn das Interface das gesprochene Wort ist.

Fake News und Vertrauen in „die Medien“ werden auch 2017 ein Thema bleiben. Wenn wir nicht nur zu den Bekehrten predigen wollen, müssen wir rausgehen und reden. Blocken und Löschen mag der Markenhygiene dienen, wir müssen aber um genau diese – vermeintlich verlorenen – Nutzer kämpfen, sie überzeugen und ihnen dort begegnen, wo sie ihre Informationen und Nachrichten bekommen. Das ist mühsam, anstrengend und vor allem ressourcenintensiv, sprich: teuer. Wenn wir in einen echten Dialog treten wollen, müssen wir aber raus aus dem geschliffenen Kommentar und unseren Journalismus noch viel klüger in die Welt tragen. Ach ja, apropos in die Welt tragen: das Phänomen, dass Nachrichten ein paar Jahre an einem PC, und damit ortsgebunden, konsumiert wurden, ist 2017 endgültig erledigt. Es war eine technische Transitionsphase. Wer nicht mobil denkt, kann es auch lassen. Nachrichten waren und sind (wieder) ein mobiles Produkt.

Dennis Horn – Journalist und Dozent

Das Jahr 2017 wird das Jahr, in dem es Facebook an den Kragen geht. Die Bundestagswahl rückt näher, und die Forderungen von Heiko Maas in Sachen „Hate Speech“ und anderen Koalitionspolitikern zu Fake News waren wohl nur die ersten Einschläge. Aus Hilflosigkeit und Panik, jemand könnte Facebook dazu nutzen, die Wahl zu beeinflussen, wird es in diesem Jahr gleich eine ganze Reihe an Initiativen geben, das soziale Netzwerk zu kontrollieren. Dazu gehört übrigens auch die Medienpolitik, die schon lange versucht, Facebook endlich den Status als Infrastrukturanbieter zu nehmen, ihn stattdessen als Medienanbieter zu deklarieren und ihn so in eine Regulierung zu drängen.

Meine Befürchtung ist, dass wir 2017 den ersten wirklich digitalen Wahlkampf erleben werden. Bis zur letzten Bundestagswahl hätte ich das als Hoffnung bezeichnet. Diesmal ist es meine Befürchtung, weil die mit Abstand digitalste aller Parteien die AfD sein wird. Sie wird alle Register, auch alle schmutzigen Register, ziehen, um im Netz aufzutrumpfen – auf das, was dort passieren wird, wird keine der anderen Parteien auch nur annähernd vorbereitet sein.

Was uns das Jahr sonst noch bringt: Wir werden eine erste Ahnung davon bekommen, was die Präsidentschaft von Donald Trump für das Netz bedeutet. Wir werden den Schlingerkurs von Twitter weiter verfolgen – ich erwarte einen weiter scharfen Sparkurs, der in neue Verkaufsbemühungen mündet. Und wir werden weiter einen Hype um Liveübertragungen bei Facebook erleben; ich glaube, dass die Möglichkeiten hier noch lange nicht ausgereizt sind.

Lina Timm – Program Manager Media Lab Bayern

Ich bin enttäuscht von den sozialen Netzwerken. Nicht von den Leuten darin oder dem, was sie posten. Nein, ich bin enttäuscht von den Strategen in den Headquartern von Facebook, Snapchat, Twitter. Jede Lokalzeitung postet heute ihren Content auf Facebook, schneller als je zuvor haben Publisher im letzten Jahr beim Snapchat-Hype reagiert und Redaktionsteams abgeordert. Und was machen die Netzwerke? Messing around with us.

Facebook ändert seinen Algorithmus, bevorzugt Videos und bestraft Links. Verlage passen sich an und produzieren Videos, um irgendwie durchzukommen. Facebook ändert seinen Algorithmus, auf einmal ist mehr Content von Freunden als von Seiten gefragt. Snapchat holt mit Discover Publisher an Board, diktiert ihnen die Posting-Regeln – und schiebt ihre Geschichten mit nur einem Update dorthin, wo kein User sie jemals findet: ans Ende der Freundesliste.

Für die Firmen mögen das strategisch kluge Entscheidungen sein, als Publisher käme ich mir spätestens nach diesem Jahr ausgenutzt vor. Vereinzelt gibt es schon Versuche, sich von den Plattformen zu lösen. Mit eigenen kreativen App-Lösungen (Quartz und RESI), mit Subscriber-Communities (The Information) oder einer fast abstrusen Zahl an Themen-Newslettern (Washington Post). Kein Medium wird 2017 Facebook aufgeben. Aber einige werden, wenn sie klug sind, wieder mehr darüber nachdenken, wie sie den direkten Zugang zu ihren Nutzern zurückbekommen. Nicht zuletzt, um mit ihnen Geld zu verdienen. Eine Hoffnung, die die Plattformen bis heute nicht eingelöst haben. Ich glaube, dieser Weg führt über Ernstnehmen, Einbeziehen, Engagieren und Personalisieren. Da dient Facebook vielleicht noch dem Erstkontakt, Nutzerliebe und Abos aber werden auf eigenen Webseiten oder Apps generiert.

Andreas Rickmann – Head of Social Media bild.de

Respect your Reader! Diese Forderung ist Anfang 2017 eigentlich absurd, sollte sie doch selbstverständlich sein. Ist sie auf Plattformen aber nicht.

Ob übergeigte Zeilen oder Clickbaits, die Produktenttäuschungen sind: Medienmarken leisten es sich noch immer, ihre Leser auf Plattformen nicht ernst zu nehmen. Nicht ernst zu nehmen, wie der Inhalt an die Leute kommt, aber auch, was für das Leben der Leute wirklich relevant ist.

Wer in Zeiten von Fake News – nach der US-Wahl und vor der Bundestagswahl – noch immer nicht verstanden hat, wie wichtig Vertrauen, Glaubwürdigkeit und das direkte Feedback der Leser sind, der wird 2017 ein Problem bekommen. Genau das auf Facebook zu übertragen, bedeutet harte Arbeit und die Bereitschaft, sich ernsthaft mit der Plattform zu beschäftigen und sich eben nicht auf der eigenen Marke auszuruhen. Datengetriebenes Arbeiten und journalistischen Anspruch auf Facebook erfolgreich zu verbinden – das bleibt die größte Herausforderung.

Medienmarken müssen außerdem einen Weg finden, jenseits von Facebook auf Plattformen sichtbar zu sein.

Richard Gutjahr – Journalist und Blogger

Das neue Jahr wird anstrengend. Während sich Politik und Medien an sogenannten Fake News abarbeiten, wird die Erkenntnis reifen, dass das eigentliche Problem woanders sitzt. Nicht Falschmeldungen und Propaganda sind das Problem (gab es schon immer), sondern die schleichende Entfremdung des Publikums von den Medien. Klassische Medienhäuser werden sich die Frage gefallen lassen müssen, ob sie wirklich alles getan haben, um sich mit den „people, formerly known as audience“, auseinanderzusetzen.

Was den Krieg der Plattformen betrifft, können wir uns auf einen Showdown im seit Jahren andauernden „Bitch Fight“ zwischen Facebook und Snapchat einstellen. Facebook wird alles tun, um den nicht mehr ganz so hippen Konkurrenten aus Venice Beach sturmreif zu schießen, bevor dieser durch den bevorstehenden Börsengang zu mächtig wird. Konkret: das Facebook-Bildernetzwerk Instagram wird noch schamloser um weitere Snapchat-Features erweitert und noch enger mit dem Mutterschiff verzahnt. Periscope, anyone?

Der Hype um Virtual Reality wird abklingen. Dafür werden wir es mit einer neuen, eher subtilen Form der Nachrichtenvermittlung zu tun bekommen. Ich nenne das „Augmented EARality“. Spätestens jetzt, da nun auch Apple seine Airpods endlich fertig bekommen hat, werden winzige, kabellose Ohr-Stöpsel das Straßenbild der Zukunft prägen. Immer mehr Smartphone-Besitzer werden ihr Hörgerät gar nicht mehr aus dem Ohr nehmen, um darüber personalisierte Sprachnachrichten eingeflüstert zu bekommen – Terminerinnerungen, Flugsteig-Änderungen, VIP-Messages oder Breaking News.

Zuhause werden Smarthome-Boxen diese Funktion übernehmen. Auch wenn der offizielle Verkaufsstart von Amazon Echo und Google Home 2017 noch belächelt wird, werden mittelfristig alle unsere Wohnungen über einen solchen Sprachcomputer vernetzt sein. Für Mediendienste wird sich die Frage stellen, was ihre Rolle auf diesen Plattformen sein könnte. Wie lassen sich soziale Netzwerke für die Ohren denken? Welche Services könnten klassische Medienhäuser anbieten? Die Zeit zu experimentieren ist jetzt.

Dirk von Gehlen – Journalist und Autor

Ich erwarte bzw. erwünsche mir für 2017: Mehr Shruggie! Mehr Bereitschaft zur Ratlosigkeit, zum Hinterfragen der eigenen Meinungen und Gewissheiten. Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft im Umgang mit Neuem einem immer gleichen Reflex unterliegen: Wir bewerten, bevor wir verstehen. Das ist ungut, denn um die Möglichkeiten zu sehen, sollte man erst verstehen, worin das Neue denn genau besteht. Und dabei stehen uns Gewissheiten und Erfahrungen nicht selten im Weg.

Deshalb mein Wunsch: Mehr Shruggie wagen! Oder um es mit Rebecca Solnit zu sagen: Seien wir hoffnungsvoll. Denn: „Hoffung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.“

Duygu Gezen – Journalistin (irgendwas mit Internet)

Ich könnte hier jetzt schreiben, ich wüsste was 2017 so alles mit Social Media passiert. Aber hey: Ich habe keinen blassen Schimmer. Wenn ich das wüsste, würde ich mein Wissen teuer an irgendeine Agentur verkaufen oder selber eine gründen…

Daher hier von mir: Was sich 2017 nicht ändern wird.

Facebook wird auch weiterhin das soziale Netzwerk mit den meisten Nutzern bleiben. Wir werden auch weiterhin als Social-Media-Menschen an den Lippen des Algorithmus’ aka Mark Zuckerberg hängen. Wir werden die Augen schließen und versuchen, die algorithmischen Erschütterungen zu spüren. In welche Richtung geht es? Mehr Video? Been there, done that. Mehr Live? Been there, done that. 360 Grad? Schnarch.

Twitter wird auch weiterhin zu kämpfen haben. Und wie. Es geht dieses Jahr mehr denn je um die Existenz. Wir lieben Twitter. Schnell, rough und direkt, aber bitte ohne triefenden Hass und ohne Bilder/Videos, die eher auf 4chan gehören als in ein „soziales“ Netzwerk.

Wir werden uns auch weiterhin online gegenseitig anbrüllen. Denn sonst hört ja keiner zu!!1! Der Umgangston in Online-Debatten bleibt 2017 kalt und roh. Brrr.

Wir werden weiterhin in unseren Filterblasen leben. Weil wir das schon immer so getan haben. Unzählige Journalisten werden ihre Filterblase auch 2017 für irgendwelche Artikel kurz verlassen und dann wieder zurückfallen in ihren Medienmenschen-Mikrokosmos. Den Falafel-Mann grüßen? Das zählt übrigens nicht als Ausbruch aus der eigenen Filterbubble.

Das Fake-News-Thema wird uns auch 2017 weiterhin begleiten. Je nachdem wie die Bundestagswahlen im September ausgehen, werden wir den Fake News die Schuld für alles Schlechte auf der Welt geben. Denn: Einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge werden auch 2017 Trend sein.

Stephan Dörner – Chefredakteur t3n.de

Auch 2017 wird vom Kampf zwischen Facebook und Googles Youtube um die Vorherrschaft unter den Videoplattformen geprägt sein.

Snapchat hat 2016 gezeigt, dass es gekommen ist, um zu bleiben. Mit dem Börsengang wird sich der Druck auf Snap Inc. erhöhen nun den Beweis anzutreten, dass die beliebte Plattform auch wirtschaftlich funktioniert. Für Snapchat wird 2017 die Herausforderung zu monetarisieren, ohne die Nutzer zu verärgern.

Beim Thema Instant Messanging kommen die Innovationen inzwischen aus Asien: Hier wird es sehr spannend sein zu beobachten, wie insbesondere WeChat in China sich weiter zu der Universal-Plattform entwickelt, über die sehr viele Chinesen das Internet nutzen. Das Thema Chatbots in Kombination mit den Fortschritten beim maschinellen Lernen wird sich 2017 aber unter anderem auch im Facebook Messenger wiederfinden.

Twitter hat 2016 durch ein unfähiges Management am meisten Potenzial verschenkt – und bleibt trotzdem die wichtigste soziale Plattform für News. 2017 wird sich zeigen, ob das Netzwerk endlich in der Lage ist, daraus eine Anwendung zu bauen, die auch außerhalb der USA und Großbritannien eine breite Nutzerschaft abseits von Journalisten, Promis und Politikern überzeugt.

Die Bekämpfung von – teilweise kommerziell betriebenen – Fake News wird bei Facebook und Google 2017 auf der Agenda stehen. Dort stehen die Konzerne noch am Anfang – insbesondere bei Facebook. Fake News lösen häufig Reaktionen aus – Likes, Kommentare und Shares. Die Facebook-Software zeigt Beiträge mit vielen schnellen Reaktionen häufiger an und trägt so zu ihrer Verbreitung bei. Das erinnert mich an den Aufstieg von Google, als Googles Algorithmus mit Keyword-Spam und massenhaften Querverlinkungen noch leicht zu überlisten war. Ich gehe davon aus, dass es auch für das Phänomen Fake News technische Lösungen geben wird, die es weniger bedeutend erscheinen lassen.

Beim Thema Virtual Reality erwarte ich 2017 noch nicht den Durchbruch auf dem Massenmarkt. Augmented Reality liegt tendenziell noch weiter in der Zukunft, hat aber meiner Einschätzung nach noch mehr Potenzial. „Wir neigen dazu, die Auswirkungen einer Technologie kurzfristig zu überschätzen – und langfristig zu unterschätzen“, soll der Zukunftsforscher Roy Amara bereits in den 1920er Jahren geschrieben haben. Das gilt meiner Einschätzung nach auch für VR und noch mehr AR.

Mehr als je zuvor werden wir uns 2017 vermutlich endlich mit der Frage beschäftigen: Wie wirkt sich der technische Fortschritt eigentlich auf die gesamte Gesellschaft aus – auf Politik, Wirtschaft und Arbeit? Fake News und Hetze in sozialen Netzen sind dabei nur ein Teil der Debatte. Angesichts von Technologien wie autonomes Fahren stehen uns in den kommenden Jahrzehnten noch größere Umbrüche durch die technische Entwicklung bevor. Dabei wird eine Frage zentral sein: Wie schaffen wir es, dass nicht nur wenige von dem technischen Fortschritt wirtschaftlich profitieren?

Martin Hoffmann – Online-Journalist und Unternehmer

2017 wird für Social Media ein Jahr der Konsolidierung. Viele Medienhäuser werden (endlich!) kapieren, dass sie sich für gigantische Reichweiten auf den Plattformen alleine nichts kaufen können. Eine Millionen-Reichweite ist für den Großteil der Medien aktuell genau so viel wert, wie eine Reichweite von 10.000 Usern: null Euro. Entscheidend wird darum sein, ob Facebook in diesem Jahr sein Versprechen wahr macht und den Publishern Monetarisierung auf der Plattform im großen Stil ermöglicht. Falls nein, werden diverse digitale Medien-Start-ups ins Schlingern kommen.

Zum Glück stehen die Retter schon Gewehr bei Fuß. Totgesagte „Old Media“-Firmen werden 2017 weitere Digitalunternehmen zukaufen. NBCs Beteiligung an Buzzfeed und Springers Kauf von Business Insider sind nur der Anfang einer Welle, die 2017 weitergehen wird. Spannende Frage: Wer verleibt sich Medium ein? Und was passiert mit Quartz? Damit einher geht auch, dass wir viel von dem, was wir aktuell auf Facebook an Bewegtbild-Marken sehen, in der ein oder anderen Form im klassischen, linearen TV wiedersehen werden. Schließlich kann man dort nach wie vor wunderbar Geld verdienen. Ganz im Gegenteil zu all den „40-Sekunden-Videos-mit-dem-besten-Bild-am-Anfang-und-Untertiteln“, die – wenn man mal ganz ehrlich ist – sowieso selten journalistisch, sondern meistens nur unterhaltsam sind.

Dieser Monetarisierungsdruck wird auch dazu führen, dass das Pendel, das in den letzten zwei Jahren sehr stark in Richtung „Homeless Media“ ausgeschlagen ist, wieder zurückschwingt. Der direkte Kontakt zum Nutzer über Kanäle, die unabhängig von den Plattformen sind, wird deutlich wichtiger. In den USA kann man diesen Trend zurück zu „Owned Media“ schon länger beobachten. Am Ende des Jahres 2017 wird es – so meine Vermutung – darum zwei Arten von Publishern geben: die, die über ihre große Reichweite auf den Plattformen und damit einhergehenden Sekundäreffekten Geld verdienen (bestes Beispiel: Tasty-Kochbücher, die Buzzfeed verkauft). Und die, die in weniger, dafür aber hochklassigeren Content investieren (z.B. The Information oder Hardbound). Auch LinkedIn und XING könnten mit ihren Content-Offensiven hier zu den Gewinnern gehören. Alles dazwischen wird es 2017 aber schwer haben.

Spannend wird die Frage, wie es mit Snap Inc. weitergeht. Die Geschichte, dass sich das Unternehmen zur Kamera-Company weiterentwickeln will, dient vor allem dazu, die Phantasie möglicher Investoren beim 2017 geplanten Börsengang zu beflügeln. Aber Instagram und der Facebook Messenger setzen dem Unternehmen auf der Nutzerseite zu. Nicht, weil es Nutzer verliert, sondern weil es für neue Nutzer immer weniger Gründe gibt, sich überhaupt die Snapchat-App herunterzuladen. Der Schritt von 150 Millionen Nutzern zu einer Milliarde ist unendlich schwer.

Auch für WhatsApp steht 2017 ein entscheidendes Jahr an. Facebook wird sich nicht mehr allzu lange anschauen, dass das Unternehmen kaum Geld verdient. Die auf der DLD in München für 2016 groß angekündigte Programmierschnittstelle lässt weiter auf sich warten. Es mehren sich die Anzeichen, dass Gründer Jan Koum das Unternehmen demnächst verlassen könnte. Dafür wird Facebook 2017 im Messenger weiter die Weichen für seine nächste Cash Cow stellen. Spätestens Ende des Jahres wird es die ersten Publisher mit echten Microsites im Messenger geben.

Weil das Thema Messaging boomt, könnte eigentlich auch Twitter ein zweiter Frühling bevorstehen, hat man doch mit der Infrastruktur der Direktnachrichten optimale Voraussetzungen für Conversational Commerce. Aber Twitters Produktentwicklung bleibt ein großes Rätsel und – ehrlich gesagt – glaube ich nicht daran, dass das Unternehmen das Potential rechtzeitig erkennt und nutzt. „Zu wenig zu spät“ gilt übrigens auch für Periscope, das 2017 aufpassen muss, dass es von Twitter nicht ganz eingestellt wird.

Was sonst noch passiert? Ich glaube nicht wirklich daran, dass Facebook-Audio funktioniert und bin skeptisch, ob das Thema „Social Bots“ im Wahlkampf tatsächlich eine so große Rolle spielt, wie es das schrille Geschrei vermuten lässt, das derzeit in der Berichterstattung zum Thema herrscht. Aber am Ende kommt sowieso alles ganz anders – und Social-Audio-Bots werden vielleicht der neue heiße Scheiß.

Adrienne Fichter – Journalistin und Autorin

Ich erwarte einige Propaganda-Feldzüge im Netz bei den kommenden Wahlkämpfen in Frankreich und Deutschland. Diese können in Form von Roboterarmeen oder freiwilligen oder bezahlten Troll-Heeren sichtbar werden. Dabei wird Stimmung gegen die etablierten moderaten Volksparteien gemacht, in Frankreich gegen die Républicains und in Deutschland gegen SPD, CDU und insbesondere gegen Angela Merkel. Ob die Absender dahinter Programme oder Menschen sind, wird immer schwieriger zu erkennen sein. Auch inwiefern diese Armeen von ausländischen Mächten gesteuert sind, lässt sich kaum mehr zur hundert Prozent nachweisen.

Es wird spannend zu beobachten sein, inwiefern und in welchem Ausmaß deutschsprachige Fake News die Runde auf Facebook und Twitter machen werden. Die deutschsprachigen Ableger von Russia Today und von Breitbart könnten den digitalen Wahlkampf in Deutschland beeinflussen. Allerdings sind die Refinanzierungsmöglichkeiten von deutschsprachigen „hyperpartisan mediasites“, also „aktivistischen“ Medien-Seiten, die von Amateuren betrieben werden, aufgrund des kleinen deutschsprachigen Marktes viel geringer. Die Anreize für ein Fake News-Geschäftsmodell sind weniger gegeben. Hinzu kommen die Maßnahmen von Google und Facebook, Fake News-Betreiber aus ihren Werbenetzwerken auszuschließen.

Was gilt es zu tun, damit die Online-Wahlkämpfe nicht zu den hässlichsten aller Zeiten in Europa werden? Mit dem künftigen Labeln von potenziellen Fake News auf Facebook ist schon ein wichtiger Schritt eingeleitet worden. Gerüchte können so schneller entlarvt werden. Niemand wird gerne öffentlich dabei ertappt, wie er erfundenen Geschichten auf den Leim geht. Politiker und Journalisten sollten in ihren Kommentarspalten sachlich dagegen halten und aufhören ständig zu senden, ohne zu antworten. Indem man redaktionelle und politische Entscheidungen begründet und auf Einwände permanent eingeht, kann man bei einem Teil der Leser/Wähler viel Boden gut machen. 2017 wird es stark auf die Dialogfähigkeit von Journalisten und Politik im Social Web ankommen. Nur so kann Vertrauen in die Medien zurückgewonnen und Politikverdrossenheit bekämpft werden.

Ole Reißmann – Chefredakteur bento.de

AfD, Trump, Fake News – alles total wichtig und dieses Jahr dauerpräsent in den Medien. Mindestens so wichtig wird Brotbacken. Nicht im Plastikautomaten, sondern im Schmortopf aus Gusseisen. Mit Hilfe einer eigenen Hefekultur, die so pflegeintensiv wie ein Kleinkind ist. Die kross gebackenen Laibe gibt es dann auf Instagram, angerichtet in fotogenen Küchen neben vermehlten Gärkörben.

Nach Singlespeed-Fahrrädern, Third-Wave-Coffee und Schellackplatten ist das Backen der nächste große Hipster-Trend. Brotbacken muss man sich zeitlich leisten können, der Einsatz von Kapital bringt keine Abkürzung. Höchsten einen Profi-Ofen könnte man sich einbauen lassen, denn so gut wie beim Bäcker werden die eigenen Brote sonst nie gelingen.

Das Brotbacken ist vor allem Rückzug: Handarbeit im Roboterzeitalter, kneten, warten, kneten, warten. Das Interface: taktil. Alles auf Oberfläche, die Fingerkuppen erspüren die Teigverfassung. Zum Brotbacken braucht es die eigenen Hände, Mehl, Wasser, Hefe und viel Zeit. Totale Reduktion und Entschleunigung, alles, was dem Bildschirmarbeiter fehlt. Während draußen der Mob die AfD wählt und die Facebook-Kommentare überkochen, übt man sich in alter Kulturtechnik. Kneten statt keifen.

Nico Lumma – Kolumnist und COO beim Next Media Accelerator

2017 steht Mobile weiter im Fokus, dazu viel VR, AR und 360°-Video. Aber das interessiert die Nutzer auch 2017 kaum. Der Wahlkampf wird ab dem Sommer alles dominieren und danach wird es Katzenjammer geben. Insgesamt wird 2017 eher hysterisch und die Diskussionskultur wieder so grottig wie früher im Usenet werden.