Apps sind ein Auslaufmodell. Zumindest im Journalismus. Viele Medienhäuser setzen trotzdem auf eigene Lösungen zur Verbreitung ihrer Inhalte. Das zeigt, wie wenig die Verlage aus der Vergangenheit gelernt haben. Leichter kann man es Facebook und Co. kaum machen.

15 Apps. Als Steve Jobs 2007 das iPhone vorstellte, gab es dafür gerade mal 15 Apps. Wäre es nach dem Apple-Gründer gegangen, dann hätte sich daran auch nur wenig geändert. Jobs wollte die iOS-Plattform abschirmen. Sie sicher machen. So gut es eben geht. Programme von Drittanbietern? Nicht mit Jobs. Noch auf der Entwicklerkonferenz 2007 bewarb er Web-Apps als innovative Lösung – sehr zum Missfallen der anwesenden Programmierer. Denn Web-Apps basieren auf Webseiten-Technologien und laufen gewissermaßen im Browser. Für Apple bedeutete dies maximale Sicherheit und Abschottung, für Entwickler minimalen Gestaltungsfreiraum.

Erst ein Jahr später öffnete der App Store seine Türen. Nachdem sich Apple lange dagegen gesperrt hatte, stellte das Unternehmen im Sommer 2008 ein sogenanntes Software Development Kit (SDK) vor, mit dem Entwickler native Apps für die iOS-Plattform schreiben und dabei auf zahlreiche Programmierschnittstellen (APIs) zugreifen konnten. Die Entwickler machten davon reichlich Gebrauch. Mehr als 1,3 Millionen Programme stehen heute im App Store von Apple bereit, über 75 Milliarden Downloads wurden bisher verzeichnet. Ähnlich erfolgreich hat sich auch der Play Store für Googles mobiles Betriebssystem Android entwickelt. Etwas abgeschlagen folgen die Angebote von Microsoft und Blackberry.

Wer heute einen Blick auf die erfolgreichsten Apps wirft, die Apple, Google und Microsoft anbieten, der sieht vor allem soziale Netzwerke, Messenger und Spiele ganz weit vorne. Nach Angeboten von Verlagen muss man etwas suchen. Aktuell ist die Kicker-App in Deutschland auf Platz 57 die bestplatzierte News-App bei den kostenlosen Programmen in Apples App Store, Spiegel Online liegt auf Platz 87 und BILD auf 155 (Stand: 5. Februar). Warum eigentlich?

Zunächst einmal hat eine gewisse Sättigung im Umgang mit Apps eingesetzt. Das konnte ich bei mir selbst, aber auch bei Freunden und Kollegen feststellen. Noch vor ein paar Jahren habe ich regelmäßig neue Programme heruntergeladen. Entweder weil sie mir von Bekannten empfohlen wurden. Oder weil ich einen Artikel darüber gelesen hatte. Oder weil ich im App Store drüber gestolpert war. Mittlerweile kommt vielleicht alle paar Wochen noch ein neues Programm hinzu. 181 sind es aktuell auf meinem iPhone. Die große Masse davon sind Karteileichen, die selten bis nie zum Einsatz kommen und die nur installiert sind, weil ich mir beim digitalen Aufräumen einrede, dass ich sie ja vielleicht doch irgendwann mal brauchen könnte.

Tatsächlich nutze ich 40 bis 50 Apps mehr oder weniger regelmäßig. Regelmäßig bedeutet, dass ich sie mindestens einmal pro Woche öffne. Viele – darunter die sozialen Netzwerke, Messenger-Apps und meine E-Mail-Programme – brauche ich sogar jeden Tag. Ob nun privat oder für die Arbeit: auf meinen mobilen Geräten läuft alles zusammen. Kalender, Termine, Fotos, Nachrichten, Kontakte… mein Leben erhält durch Smartphone und entsprechender Dienste eine gewisse Grundordnung. Da alles hervorragend funktioniert, muss ich mir keine Gedanken über Alternativen machen. Sicher – wenn jemand behauptet, dass die neue Outlook-App besser als Inbox oder Mailbox ist, dann probiere ich sie aus. Und wenn mein (ehemaliger) Arbeitgeber Slack einführt, dann lade ich das Programm eben herunter. Aber grundsätzlich bin ich bequem geworden. Außerdem stört mich die Unübersichtlichkeit der diversen App Stores. Und mich nervt, dass ein Unternehmen nach dem anderen dazu übergeht, seine Angebote auf mehrere Programme aufzuspalten. Aus Foursquare wurde Foursquare und Swarm, aus Facebook wurde Paper, Mentions, Messenger etc. All diese Punkte spielen auch eine Rolle, wenn ich über mein Problem mit News-Apps spreche.

Vor ein paar Wochen wurde ich gefragt, ob ich denn die Apps von Spiegel Online nutzen würde. Wer die Entwicklung in den vergangenen Monaten und Jahren beobachtet hat, der kann bestätigen, dass man beim Hamburger Verlag viel Zeit und Geld in die Programme für Smartphones und Tablets investiert. Es gibt eine App für Windows Mobile sowie jeweils eine „Der Spiegel“- und eine „Spiegel Online“-App für Android und iOS. An einer dezidierten iPad-App wird aktuell gearbeitet. Sie soll noch in diesem Jahr herauskommen. „Der Spiegel“ is even available as an app in English. Ganz zu schweigen von der Spiegel-TV-App.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser Fülle an Optionen musste ich die Frage verneinen. Zwar habe ich die SPON-App auf meinem iPhone installiert. Allerdings geht die Nutzung nicht über den alltäglichen Griff zum Handy ob der neuesten Push-Breaking-News hinaus. Das soll nicht bedeuten, dass ich Spiegel Online überhaupt nicht lese. Ganz im Gegenteil. Allerdings nutze ich genau wie bei Zeit Online, Süddeutsche, FAZ und Co. nicht die diversen mobilen Programme der Verlage. Ich setze vielmehr auf eine universale Super-App, die mir alle Nachrichten zentral an einem Ort präsentiert. Die App ist kostenlos, plattformübergreifend und in allen anderen Programmen auf meinem Smartphone (Facebook, Twitter…) bereits integriert. Ich rede vom Browser.

Der Browser wurde entwickelt, um Webseiten darzustellen und seinen Nutzern den Zugang zum Internet zu ermöglichen. An dieser grundlegenden Funktion hat sich bis heute kaum etwas geändert. Egal ob Firefox, Internet Explorer, Chrome oder Safari: der Browser dürfte mit Abstand das am meisten genutzte Programm überhaupt sein. Sowohl auf dem Computer, als auch auf mobilen Geräten wie Tablets und Smartphones. Wann immer jemand einen Link öffnet, springt der Browser ein. Die API machen es möglich. Sie sorgen dafür, dass Programme wie Twitter und Facebook nicht ihre eigenen Lösungen mitbringen müssen, sondern auf Apples Safari, Googles Chrome oder Microsofts Internet Explorer zurückgreifen können.

Ich mag den Browser. Ich bin mit ihm großgeworden, habe ihm beim Wachsen zusehen können. So wie sich das Internet weiterentwickelt hat, hat sich auch der Browser weiterentwickelt. Bilder, interaktive Grafiken, Videos – sogar Spiele: Firefox, Chrome und Co. können heute viele Dinge, die früher undenkbar waren. Als sich Steve Jobs 2007 für Web-Apps aussprach, war die Kritik der Entwickler berechtigt. Und aus Sicht der Hersteller zahlreicher mobiler Programme ist sie es bis heute. Ein Spiel wird als native App noch viele Jahre lang leistungsfähiger sein als eine Browser-Lösung. Und ein Navigationstool mit diversem Kartenmaterial läuft einfach flüssiger als eigenständige App. Trotzdem bin ich der Meinung, dass – gerade wenn wir von redaktionellen Angeboten sprechen – kein Grund mehr besteht, in native Apps zu investieren.

Steve Jobs

Einige Punkte, warum Web-Apps früher oder später native Apps ablösen werden, hat Ryan Matzner schon 2012 für Mashable aufgeschrieben. Darum soll es in diesem Text aber gar nicht gehen. Vielmehr steht die journalistische Perspektive im Vordergrund. Ich habe nämlich Angst, dass die Verlage zu viele Ressourcen an proprietäre Lösungen verschwenden und damit den gleichen Fehler wie die Musik- und die Filmbranche begehen. Auch dort hatten Labels und Studios lange versucht, mit eigenen Diensten Kunden zu gewinnen und an sich zu binden. Den Konsumenten gefiel das überhaupt nicht. Sie wandten sich stattdessen Firmen wie Apple, Amazon, Spotify und Netflix zu, die es verstanden hatten, ein großes Angebot an Inhalten plattformübergreifend bereitzustellen.

Heute kann ich Filme diverser Studios und Serien zahlreicher TV-Sender bei Netflix und Watchever abrufen. Ich kann Lieder und Hörbücher unterschiedlichster Labels und Verlage bei iTunes mit meinem Fingerabdruck bezahlen. Doch eine App oder einen Dienst, wo einem alle Zeitungs-, Zeitschriften- und Onlinenachrichtenangebote übersichtlich präsentiert werden, sucht man vergeblich. Wo ist das Angebot, bei dem ich nicht nur ganze Ausgaben, sondern auch einzelne Artikel kaufen kann? Bei dem die Bezahlung so einfach wie der Einkauf bei Starbucks ist? Wo die Möglichkeit besteht, auf soziale Netzwerke zuzugreifen und Empfehlungen von Freunden zu integrieren?

Wenn die Verlage nicht aufpassen, werden Facebook und Co. über kurz oder lang in diese Lücke stoßen und eigene News-Apps vorstellen. Wer einen Blick auf die Zahlen wirft, der erkennt, dass ein immer größerer Teil der Besucher von Nachrichtenseiten wie WSJ.com, New York Times und Zeit Online über soziale Netzwerke kommt. Es wäre also nur logisch, sollten die US-Konzerne in diese Richtung streben. Entsprechende Bemühungen laufen schon länger. Inhalte, die speziell für Facebook produziert werden, erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch Snapchat experimentiert neuerdings mit eigenen Formaten. Dank der großen Marktmacht der sozialen Netzwerke würde den Verlagen dann ein ähnliches Schicksal wie den Musikstudios drohen. Die mussten Apple vor ein paar Jahren beim Aufbau des iTunes-Stores einen Freifahrtschein ausstellen, da sie sich angesichts von Online-Piraterie und sinkenden Erlöszahlen in der Defensive und zum Handeln genötigt sahen. Die Film- und Fernsehbranche kämpft mit ähnlichen Problemen. (Hierzu unbedingt auch den Text „Please, [Insert Tech Platform Here], Take My Business!“ von Mat Yurow lesen.)

Karsten Lohmeyer hat in seinem Blog vor einigen Tagen ähnliche Bedenken am Beispiel Facebook geäußert. Es wäre ein Leichtes für den Tech-Konzern, journalistische Beiträge von Verlagen innerhalb des Netzwerkes oder einer damit verbundenen App zu streuen. Die relevanten Daten darüber, was seine Nutzer interessieren könnte, sammelt das Unternehmen schon länger und seit kurzem noch in größerem Umfang. Auch eine Art Paywall ließe sich leicht implementieren. Ein Teaser und der Hinweis, dass X Freunde bereits für diesen Text oder dieses Video bezahlt und es empfohlen haben, schon will ich mitreden. (Ein Anreiz, den Medium.com übrigens hervorragend für sich nutzt.) Die Verlage erhalten am Ende Anteile an den Werbeerlösen oder (ähnlich wie beim Apple-Vorbild) 70 Prozent des Preises, den die Nutzer für einen Beitrag zahlen. Den Rest behält Facebook. Ob die Medienhäuser ihre Inhalte tatsächlich auf Facebook-Servern ablegen oder weiterhin eine eigene Homepage betreiben, wird sich zeigen.

Aber noch einmal weg von Facebook und zurück zu den Apps. Denn darum sollte es ja eigentlich gehen. Wenn ich mir nun wünsche, dass Verlage weniger Zeit und Geld in die Entwicklung von News-Apps investieren, dann ist Spiegel Online dafür zunächst einmal ein denkbar schlechtes Beispiel. Ein Blick auf die IVW-Zahlen zeigt nämlich, dass deutlich mehr Besucher die Apps des Hamburger Medienhauses nutzen als die mobile Webseite. Im Januar 2015 standen 34,5 Millionen „Mobile Visitor“ 47,3 Millionen „App Visitor“ gegenüber. Allerdings: bei insgesamt 230 Millionen Besuchern im Januar kommt auch heute noch ein Großteil der Besucher über andere Wege auf die Inhalte des Hamburger Verlages.

SPON2

Schaut man sich die Konkurrenz um SZ, ZEIT Online, Bild und Welt an, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Zwar ist auch dort in den vergangenen Monaten ein Anstieg der „Mobile Visits“ zu erkennen. Apps spielen dabei jedoch nur eine Nebenrolle.

Es wird höchste Zeit für einen Strategiewandel.

WELT2

ZEIT2

SZ2

FAZ2

BILD2